Interview
FCB

Benjamin Kololli: Ein offenes Gespräch über Finanzen, Transfers und japanische Kultur

03.07.2024 06:42 - update 03.07.2024 16:55
Florian Metzger

Florian Metzger

Seit Januar spielt Benjamin Kololli in Basel. Zuvor hat der 32-Jährige einen ungewöhnlichen Weg über Japan genommen. Eine spezielle und prägende Erfahrung. Im Trainingslager spricht er mit Baseljetzt offen über seine Vergangenheit und seine Zukunft.

Die Karriere von Benjamin Kololli

Mit 21 Jahren unterschreibt Benjamin Kololli 2013 seinen ersten Profivertrag beim FC Sion. Nach einem Jahr im Wallis wechselt er leihweise für ein Jahr zum FC Le Mont in die Challenge League. Nach Ablauf der Leihe wechselt Kololli ablösefrei zum FC Biel-Bienne. Im Januar 2016 wird er für den Rest der Saison an den BSC Young Boys ausgeliehen. Im Sommer 2016 bleibt er der Super League erhalten, spielt aber neu für Lausanne-Sport. Dort heisst sein Trainer zum ersten Mal Fabio Celestini. Nach zwei Jahren Waadtland wechselt er 2018 zum FC Zürich. Drei Jahre später zieht es ihn in die japanische Liga zu Shimizu S-Pulse, bevor er in die Schweiz zurückkehrt und beim FC Basel unterschreibt.

Baseljetzt: Benjamin Kololli, wie kommt man als Schweizer Fussballer nach Japan?

Benjamin Kololli: Ein bisschen Zufall spielte mit. Zürich wollte den auslaufenden Vertrag verlängern. Eigentlich wollte ich aber auf ein Angebot aus einer grösseren Liga im Ausland warten. Und dann kam plötzlich Ersatztorwart Zivko Kostadinovic auf mich zu und fragte, ob Japan eine Option für mich wäre. Einer seiner besten Freunde spielte dort. Und ich habe geantwortet, dass ich mir das vorstellen könnte. Daraufhin hat er einem Berater von dort meine Nummer gegeben. Und nach zwei Wochen hatte ich ein Angebot.

War für dich sofort klar, dass du das machst?

Ich musste schon zuerst ein bisschen nachdenken und ich wollte auch erst alles mit den Anwälten abklären. Ich kannte die Verträge von dort ja überhaupt nicht. Danach ging alles ganz schnell. Ehrlich gesagt hatte ich zu Beginn schon ein wenig Zweifel, ob alles klappt und es die richtige Entscheidung ist, aber diese «Angst» war schlussendlich unberechtigt und es hat alles wunderbar geklappt. Ich habe mir gesagt: Ja, das mache ich. Warum auch nicht?

«In Japan ist alles anders»

Hattest du in dieser Zeit auch andere Angebote?

Ja, mehrere. Ich hätte in Zürich bleiben oder nach Luzern wechseln können. Dort war damals übrigens auch Fabio Celestini Trainer. Ich hatte auch ein gutes Angebot aus Holland, vom FC Twente Enschede. Da war ich aber schon 29 Jahre alt. Wäre ich jünger gewesen, wäre das wahrscheinlich die bessere Option gewesen. Ich hatte immer ein bisschen Kontakt zu Leuten aus Italien und Frankreich. Aber es war nie etwas Konkretes. Schlussendlich wollte ich etwas ganz Neues erleben.

Hast du damals gewusst, was mit Japan auf dich zukommt?

Zwei sehr gute Kollegen von mir waren schon einmal in Japan. Sie sagten, es sei eines der besten Länder, die sie je besucht hätten. Da dachte ich mir, das muss ich auch einmal erleben.

Hat Geld bei diesem Wechsel eine Rolle gespielt?

Ja, schon auch. Man geht nicht ans andere Ende der Welt für einen schlechteren Vertrag. Ich habe deutlich mehr verdient als in der Schweiz, vor allem wegen der Steuern. Dort hatte ich einen Nettolohn. Sie haben mir alles bezahlt, auch meine Wohnung. Das war top.

Wie gross war die Umstellung für dich, als du nach Japan gezogen bist?

Sehr gross. In Japan ist alles anders. Wirklich alles. Nichts ist so wie in der Schweiz. Die Leute sind ganz anders. Auch der Fussball. Das Essen ist natürlich auch ganz anders. Das war schon eine krasse Umstellung.

Konntest du dich schnell einleben?

Am Anfang war es sehr schwierig, auch wegen der Corona-Pandemie. Im Land selbst gab es keine grossen Einschränkungen. Aber Japan hat die Grenzen dicht gemacht. Man kam nur noch mit einem speziellen Visum ins Land und war dann zwei Wochen lang praktisch in einem Hotelzimmer eingesperrt. Das Essen wurde vor die Tür gestellt und ich konnte es mir dann dort holen. Das war katastrophal und fühlte sich ein bisschen wie ein Gefängnis an. Ich konnte niemanden sehen. Die Japaner sind sehr streng und diszipliniert in allem, was sie tun. Da gibt es keine Ausnahmen, auch nicht für Fussballprofis.

«Für meine Frau war es noch schwerer»

Und nach der Quarantäne?

Dann lief es Schritt für Schritt besser. Alle ausländischen Spieler bekamen einen Dolmetscher zur Seite gestellt. Den brauchten wir dringend. Zum Beispiel auch für die Anmeldung bei der Stadtverwaltung. Das war sehr wichtig, weil in Japan kaum jemand Englisch spricht. Das war schon eine Herausforderung. Aber auch fussballerisch lief es am Anfang nicht so gut.

Was ist passiert?

Beim Training ist mir das Elastikband gerissen und direkt ins Auge gesprungen. Ich fiel über einen Monat aus. Danach kamen weitere kleinere Verletzungen dazu. Zusätzlich gab es auch einen Trainerwechsel. Aber das Leben neben dem Fussball wurde in dieser Zeit immer besser. Die Leute in Japan sind wirklich sehr nett und hilfsbereit.

Wie war diese Zeit für deine Frau?

Für sie war es noch schwerer als für mich. Sie hatte keine Freunde und war weit weg von ihrer Familie. Die Zeitverschiebung war auch ein Problem. Bis drei oder vier Uhr nachmittags konnten wir mit niemandem in der Schweiz sprechen, weil sie noch schliefen.

War sie von Anfang an dabei?

Sie kam etwas später dazu. Kurz darauf wurde unsere Tochter in Japan geboren. Sie blieben aber nicht die ganze Zeit bei mir, sondern kehrten immer wieder für zwei Monate in die Schweiz zurück. Das war eine schwierige Zeit für uns als junge Familie.

Aber dann musste sie immer wieder für zwei Wochen in Quarantäne?

Das seien die schlimmsten Momente in ihrem Leben gewesen, sagt sie noch heute. Auch als sie hochschwanger war, machte das keinen Unterschied.

Wie hast du die Kultur in Japan erlebt?

Ich finde die Kultur in Japan grossartig. Dort geht alles über Respekt. Das ist etwas, was ich in Europa manchmal ein bisschen vermisse. In Japan habe ich noch nie eine Auseinandersetzung erlebt. Dazu fällt mir eine lustige Anekdote ein.

Nämlich?

Ein einziges Mal bin ich bei einem Fussballspiel mit einem Gegenspieler aneinandergeraten. Da kam ein japanischer Gegenspieler und benutzte ein englisches Schimpfwort, das er wahrscheinlich selbst nicht verstand. Fünf Minuten später kam er zu mir und hat sich entschuldigt, was ich auch noch nie erlebt habe. Für mich war das in dem Moment überhaupt kein Problem, denn Beleidigungen auf dem Platz kennst du als Fussballspieler einfach. Aber nach dem Spiel kamen Journalisten und Disziplinarrichter der Liga zu mir und wollten unbedingt wissen, was er zu mir gesagt hatte. Aber ich habe nur gesagt: Das sind die Emotionen des Spiels. 

«Die anderen Optionen waren finanziell schlechter»

Was hat dich in Japan noch überrascht?

Man kann nicht die gleichen Sachen machen wie in der Schweiz. Ich fand es zum Beispiel sehr speziell, dass man mit einem Tattoo nicht ins Bad oder ins Fitnesscenter gehen darf. Man muss das Tattoo bedecken. Wenn du das hier erzählst, verstehen das viele nicht.

Es gibt also auch viele Einschränkungen in Japan. Warum liebst du das Land trotzdem?

Natürlich gibt es Regeln, die ich als Europäer als komisch empfinde. Aber eigentlich kann man alles machen, was man will. Ich mag die Disziplin der Menschen und den gegenseitigen Respekt. Ich fand es grossartig, wie sie mit den Kindern umgehen. Die Kita dort war die beste, die ich je gesehen habe.

Fussballerisch ist das Niveau in Japan nicht so hoch wie in Europa. Warum geht ein Fussballer im besten Alter nach Japan?

Alle anderen Optionen waren finanziell schlechter als das japanische Angebot. In meinem relativ hohen Alter musste ich mir die finanzielle Seite sehr gut überlegen. Meinen ersten Profivertrag habe ich erst mit 21 Jahren unterschrieben. Und der war überschaubar. Mit einem Bürojob hätte ich mehr verdient. Aber ich wollte meinen Traum vom Profifussball verwirklichen. Meine Karriere ging immer zwei Schritte vor und dann wieder einen zurück.

Es ging also nur ums Geld?

Nein, überhaupt nicht. Der fussballerische Aspekt war auch wichtig und natürlich das Abenteuer in einer anderen Kultur zu leben. Ich habe mich gefragt, ob ich mit Twente, Luzern oder Zürich Champions League oder Europa League spielen könnte. Leider war das nicht der Fall. Dann hatte ich diese Möglichkeit in Japan, das finanziell viel besser war als die anderen. Aber auch dort hatte ich keinen Millionenvertrag. Das stellen sich die Leute oft falsch vor.

«Habe alles dafür getan, in Basel zu unterschreiben»

Ich nehme an, beim FCB verdienst du wieder weniger. Wenn das Finanzielle so wichtig war, warum bist du dann in die Schweiz zurückgekehrt?

Wenn man ein Kind bekommt, ändert sich alles. Ich überlege jetzt nur noch, was das Beste für unsere Familie ist. Ich habe gemerkt, dass die zwei Jahre in Japan für meine Tochter sehr schwierig waren. Sie konnte zum Beispiel keine Zeit mit ihren Grosseltern verbringen. Auch für meine Frau ist es viel einfacher, mit dem Kind wieder in der Schweiz zu sein. Durch den Fussball bin ich viel unterwegs und sie ist viel allein.

Wie kam dann der FCB ins Spiel?

Ich habe mit meinem Berater gesprochen und ihm gesagt, dass wir zurück nach Europa wollen. Natürlich war es für mich am einfachsten, einen Verein in der Schweiz zu finden. Ich war für alles offen. Ich hatte schon einmal mit Fabio Celestini zusammengearbeitet und er wollte mich damals auch in Luzern haben.

Also hat dein Berater beim FCB angeklopft?

Genau. Als ich dann gesehen habe, dass der Wechsel nach Basel möglich ist, habe ich alles dafür getan, hier zu unterschreiben. Ich bin hier mit allem zufrieden. Letztlich ist es doch so. Wenn man die Möglichkeit hat, für den FCB zu spielen, muss man nicht lange überlegen.

Kolollis Traum: Mit dem FCB seinen ersten Titel feiern

Und wenn deine Frau und du kein Kind bekommen hättet?

Dann würde ich vielleicht noch zehn Jahre in Japan spielen. Es war eine wirklich super Erfahrung. Und ganz ehrlich: Sollte mein Vertrag beim FCB irgendwann nicht verlängert werden, würde ich mir schon überlegen, wieder zurück nach Japan gehen. Wir sind jetzt auch als Familie gereift. Beim ersten Kind ist alles sehr schwierig, aber jetzt haben wir die Erfahrung gemacht. Meine Frau ist wieder schwanger und im Dezember erwarten wir unser zweites Kind.

Du bist bereits 32 Jahre alt. Wie lange möchtest du noch spielen?

Ich fühle mich sehr fit. Mit dem neuen Trainerstaff sogar noch fitter als vorher. Ich hatte in meiner Karriere auch sehr viel Glück, dass ich nie ernsthaft verletzt war. Ich hoffe, dass ich noch bis 40 spielen kann. Auch in dieser Hinsicht hat sich mein Bild in Japan verändert. Dort gab es viele Spieler, die über 40 Jahre alt und immer noch topfit waren. Da habe ich gesehen, dass man, wenn man auf seine Ernährung und seinen Körper achtet, länger als 35 spielen kann.

Wie möchtest du deine Karriere beenden?

Zuerst möchte ich unbedingt noch einen Titel mit dem FCB feiern. Die letzte Saison war sehr hart. Jetzt spüre ich richtig, was es bedeutet, für den FCB zu spielen. Ich habe noch nie so gute Bedingungen wie in Basel erlebt, und die Fans sind einfach grossartig. Ich kenne keinen anderen Verein, der trotz schlechter Resultate 20’000 Zuschauer ins Stadion lockt. Mein Traum ist es, mit dem FCB den ersten Titel meiner Karriere zu feiern und danach meine Karriere in Basel zu beenden. 

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03.07.2024 06:29

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Cooles Gespräch

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