
Ein Jahresrückblick jagt den nächsten – was passiert da mit unseren Daten?
David Frische
Wrapped, Recap, Replay: das Netz ist voll mit Jahresrückblicken – und es werden gefühlt immer mehr. Wie sie zustande kommen und wo die Gefahren liegen, schätzen zwei Datenschutzexperten für Baseljetzt ein.
Das Wichtigste in Kürze
- Immer mehr Dienste erstellen personalisierte Jahresrückblicke und werten dafür umfassend Nutzungs- und Interaktionsdaten aus
- Datenschutzexperten betonen, dass Rückblicke nur verdichtete Ausschnitte zeigen und keine echte Transparenz bieten
- Nutzer:innen können ihre vollständigen personenbezogenen Daten einfordern oder die Datenerfassung durch Einstellungen reduzieren
Ihn kennen wohl die meisten Streaming-Nutzer:innen: Wrapped, den Jahresrückblick des Musikdienstes Spotify. Jahr für Jahr machen die personalisierten Rückblicke zum eigenen Musikgeschmack auf Social Media die Runde, die Menschen teilen ihr persönliches Musikjahr mit anderen. Spotify Wrapped, Apple Replay und andere Rückblicke sind zur festen Routine im Jahreskalender geworden. Viele User:innen freuen sich auf die jährliche Auswertung ihres Hörverhaltens.
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«Jahresrückblicke zeigen in begrenzter Form, wie umfassend Dienste unser Alltagsverhalten erfassen und auswerten», sagt Sascha Wostry, Datenschutzexperte bei der Blackdot AG. Die Basler Firma berät Unternehmen unter anderem im Bereich der Datensicherheit.
Der Jahresrückblick-Trend geht aber längst über die Musik-Streamingdienste hinaus. Auch Video-Riese Youtube liefert seinen Nutzer:innen eine Jahreszusammenfassung – und zwar ausschliesslich zum Videokonsum und nicht zu Musikvorlieben.

Von Sport bis Einkaufen
Wer denkt, dass lediglich die Unterhaltungsindustrie aufs ablaufende Jahr ihrer Userschaft zurückblickt, der oder die irrt. Auch Sport- und Fitness-Apps wie Strava bieten inzwischen eine Zusammenfassung des Bewegungsverhaltens. Dabei gibt es sowohl einen persönlichen Jahresrückblick («dein Sportjahr») als auch den «Year In Sport Trend Report» über gesellschaftliches Verhalten. Wir merken also: Daten können auf verschiedenen Ebenen ausgewertet werden.

Aber welche Daten werden von uns eigentlich konkret gesammelt? «Anbieter nutzen vor allem die Nutzungs- und Interaktionsdaten, die beim Service anfallen und erfassen dabei ähnlich strukturierte Muster wie Dauer, Häufigkeit oder Vorlieben», erklärt Wostry von Blackdot.
Der Trend greift auch auf andere Bereiche des täglichen Lebens über: Wer zum Einkaufen eine App nutzt, erhält unter Umständen zum Jahresende ebenfalls eine Zusammenfassung seiner oder ihrer Vorlieben. Schliesslich wissen Dienste wie die App Bring genau, was du einkaufst, solange du deine Artikel immer brav auf die digitale Einkaufsliste packst.

«Jahresrückblicke ersetzen keine echte Transparenz»
Für die Dienste ist das Prinzip also ziemlich einfach: Die Nutzer:innen liefern ihnen Daten, welche die Dienste – respektive ihre Algorithmen – nur noch auswerten müssen. «Datenschutzrechtlich ist dies häufig legitim, doch viele Nutzerinnen und Nutzer geben für nutzbare Dienste und Funktionen bereitwillig umfangreich Daten preis», gibt Datenschutzexperte Wostry zu bedenken. Dabei unterschätzten viele User:innen, wie dauerhaft und umfangreich ihre Daten später für Profilbildung und eigene Zwecke der Services genutzt werden können.
Wir liefern den Konzernen wie Spotify, Youtube und Co. also eine Menge Informationen über unser Verhalten und unsere Vorlieben, indem wir ihre Dienste nutzen. Und dennoch stellen sich viele Menschen immer wieder die Frage: Wie transparent sind die Jahresrückblicke eigentlich? Wostrys Kollege Marcel Biqkaj, ebenfalls Datenschutzexperte bei der Blackdot AG, klärt auf: «Rückblicke zeigen nur stark verdichtete Ausschnitte der vorhandenen Daten und machen weder Berechnungslogik noch vollständige Datensätze sichtbar, weshalb Zahlen manchmal ungenau wirken, obwohl die Rohdaten korrekt sein können.» Wichtig sei: «Jahresrückblicke ersetzen keine echte Transparenz».
Du kannst deine Daten jederzeit verlangen
Wer aber einen genaueren Einblick in seine Daten erhalten will, hat das Recht dazu und kann diese beim jeweiligen Konzern einfordern, wie Biqkaj erklärt. «Nutzerinnen und Nutzer können jederzeit verlangen, ihre personenbezogenen Daten in einem strukturierten, gängigen Format zu erhalten und zu einem anderen Dienst mitzunehmen, was ihnen mehr Kontrolle über die eigene Datenbasis verschafft.»
Und wer nicht möchte, dass sein oder ihr Hör- und Sehverhalten permanent getrackt wird, hat dazu ebenfalls Möglichkeiten. Dienste wie Spotify bieten etwa einen «Privat-Modus» an, in dem das Hörverhalten nicht protokolliert wird. «Nutzer können die Datenerfassung oft reduzieren, indem sie Personalisierung, Verlaufsspeicherung oder Standortzugriffe in den Einstellungen einschränken», so Biqkaj.
Am Ende muss jeder und jede selbst für sich entscheiden, wie viel er vom persönlichen Nutzerverhalten preisgibt. Die Entwicklung zu immer grösseren Datenansammlungen schreitet insgesamt ungebremst voran, ob wir es wollen oder nicht. Denn sie sind viel Geld wert.
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Borki74
tue ich mir nicht zwingend an, das Jahr hatte Höhen, doch ,leider, sehr viele tiefe Abgründe, z.T bestehen diese weiter und machen das Uebel grösser und grösser