
«Ich habe gesehen, wie brutal Proteste im Iran niedergeschlagen werden»
Leonie Fricker
Auf die Massenproteste im Iran reagiert das Mullah-Regime mit harter Gewalt. Hunderte Menschen wurden getötet, verletzt oder verhaftet. Iranerinnen und Iraner in Basel sorgen sich um ihre Angehörigen.
Das Wichtigste in Kürze
- Seit Ende Dezember protestieren Hunderttausende Iranerinnen und Iraner gegen das autoritäre Regime im Iran
- Die Regierung reagiert auf die Proteste mit brutaler Gewalt
- Zwei Menschen in Basel mit Bezug zum Iran teilen ihren Blick auf die aktuelle Lage
Sepideh Alassi hat vor 17 Jahren ihr Heimatland Iran verlassen. Ihre Entscheidung fiel während der «Grünen Bewegung» nach den Präsidentschaftswahlen 2009. Millionen Menschen warfen der Regierung damals Wahlbetrug vor. Was als friedlicher Protest begann, entwickelte sich schnell zu massiven Kundgebungen, gegen die die Sicherheitskräfte brutal vorgingen. «Ich habe damals mit eigenen Augen gesehen, wie Proteste niedergeschlagen werden», erinnert sich Alassi.
Ende Dezember gingen im Iran erneut Hunderttausende Menschen auf die Strassen. Zunächst wegen der dramatischen Wirtschaftskrise und der hohen Inflation. Anfang Januar 2026 demonstrierten Menschen in über hundert Städten für Reformen und gegen das autoritäre System der islamischen Führung.
Kein Internet, kein Netz
Bei den Massenprotesten sollen zahlreiche Menschen getötet worden sein. Die genauen Opferzahlen sind unklar, auch weil die iranische Führung vor rund anderthalb Wochen eine Internetsperre verhängte. Verschiedene Quellen berichten von mindestens 500 bis zu 4000 Toten und deutlich mehr Verletzten. «Wenn Menschen im Iran protestieren, ist der erste Schritt des Regimes immer derselbe: die Abschaltung der Kommunikation», so Alassi. Seit zwölf Tagen hat sie von ihrer Familie im Iran nichts mehr gehört. «Wir machen uns Sorgen um ihr Leben und kommen kaum zu Schlaf.»
Erst vor wenigen Tagen aus dem Iran zurückgekehrt ist Lars W.* (Name geändert) aus Basel. Der 43-Jährige heiratete vor rund acht Jahren eine Iranerin und ist seither eng mit dem Land verbunden. «Die Stimmung im Iran ist seit dem Zwölf-Tage-Krieg letzten Sommer angespannt, aber wir wollten unsere Familie unbedingt sehen», sagt er. Weil er weiterhin ohne Komplikationen in den Iran einreisen möchte, will er nicht namentlich genannt werden. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz berichtet er von grosser Unsicherheit im Land. Ob beim Taxifahren oder im Gespräch mit Nachbarn – die wirtschaftlichen und politischen Probleme seien bei der Bevölkerung vor Ort ein «Dauerthema» gewesen, erzählt er.
«Es klang wie am 1. August»
Bei einem Ausflug zu einer Moschee nahe Teheran gerieten er und seine Frau zufällig an einen friedlichen Protest. «Das war noch bevor bekannt wurde, dass man mit voller Härte gegen Demonstranten vorgehen wollte», erzählt er. Während seines Aufenthalts hätten die Proteste zugenommen.
Die schlimmsten Stunden erlebte er zu Hause auf dem Balkon. Die Proteste in der Stadt waren von dort aus hörbar. «Es war ein komisches Gefühl.» Lars W. erinnert sich an laute Knalle und die Schreie der Menschen, die Parolen skandierten. «Es klang ein wenig wie am 1. August – aber man weiss, es ist kein Feuerwerk.» Auch er kann seine Angehörigen im Iran derzeit nicht kontaktieren und ist besorgt.

Kundgebungen sollen Aufmerksamkeit auf Iran lenken
Die Berichte über die vielen Toten und Verletzten machen Alassi traurig. Oft fühle sie sich machtlos, weil sie die Menschen im Iran nicht direkt unterstützen könne. «Wir versuchen deshalb, durch Kundgebungen in der Schweiz oder über soziale Medien Aufmerksamkeit für den Iran zu schaffen», sagt sie. «Die Massaker in den letzten Wochen haben uns sehr wütend gemacht.»
Trotz der Traurigkeit ist Alassi auch hoffnungsvoll. Sie erinnert sich an die Frauenbewegung in ihrem Heimatland, die in den vergangenen drei Jahren viel verändert habe. Auch die Vernetzung von Aktivistinnen, Aktivisten und NGOs habe sich seither deutlich verbessert.
Die Neutralität der Schweiz respektiere sie, sehe sie in diesem Zusammenhang aber auch kritisch. Von der EU wünscht sie sich eine härtere Sanktionspolitik. Dass der iranische Aussenminister Abbas Araghtschi am Montag vom Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos ausgeladen wurde, sieht Alassi hingegen als positives Zeichen. «Es ist nicht der richtige Zeitpunkt für politische Annäherung oder diplomatische Gefälligkeiten.»
* Name geändert
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