Barrieren sichtbar machen: Diese Gruppe forscht mit statt über beeinträchtigte Personen
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Inklusion
Basel-Stadt

Barrieren sichtbar machen: Diese Gruppe forscht mit statt über beeinträchtigte Personen

13.01.2024 07:10 - update 13.01.2024 11:59

Larissa Bucher

Die Forschungsgruppe Kreativwerkstatt setzt sich für das Mitwirken von beeinträchtigten Personen in der Inklusionsforschung ein. Trotz vieler Hürden erweitern die Mitglieder den Blick auf Inklusion und machen gesellschaftliche Barrieren sichtbar.

Unsere Gesellschaft strebt nach Inklusion und Vielfalt. Wir wollen alle Menschen gleich behandeln, um ein gemeinsames Zusammenleben zu ermöglichen. Trotz aller Bemühungen stehen wir aber weiterhin vor grossen Herausforderungen und sind weit entfernt von der Traumvorstellung eines inklusiven Zusammenlebens.

Vor allem dann, wenn es um Menschen mit einer Beeinträchtigung geht. Dies, obwohl in verschiedenen Bereichen hart daran gearbeitet wird, Barrieren abzubauen, Vorurteile zu überwinden und eine inklusive Umgebung zu schaffen. Doch was fehlt uns zum Erfolg?

Für die Forscherinnen Irina Bühler und Arbnora Aliu vom Verein Forschungsgruppe Kreativwerkstatt ist klar: Uns fehlt der richtige Blickwinkel. «Es braucht die Stimmen der Menschen, die wirklich davon betroffen sind.» Diese Perspektive werde viel zu oft vernachlässigt in der Inklusionsforschung. Denn was wissen die meisten Forscher:innen schon über das Leben mit einer Beeinträchtigung?

Was heisst Inklusion?

«In der Gesellschaft Räume auf Augenhöhe schaffen, in der alle Menschen teilhaben können und etwas Gemeinsames entstehen kann – das ist Inklusion. Ziel ist ein Zusammenleben mit den schönen Seiten, aber auch mit den schwierigen Seiten. Es ist ein Prozess, der von beiden Seiten aus passieren muss.»

– Irina Bühler und Arbnora Aliu

Der schwierige Weg zur Forschungsgruppe

Um diese Forschungslücke zu schliessen, arbeiten die beiden seit zehn Jahren aktiv im Verein Forschungsgruppe Kreativwerkstatt mit. «Wir sind eine Gruppe von unterschiedlichen Menschen, mit und ohne Beeinträchtigung, die zusammen Forschung betreiben», erklärt Irina. Dabei konzentrieren sie sich auf Themen, die für Personen mit Beeinträchtigungen auch wirklich relevant sind. Das Projekt hat seinen Anfang an der Uni Zürich, wo man sich damals das Ziel setzte, Inklusionsforschung tatsächlich inklusiv umzusetzen.

Das ist einfacher gesagt als getan. Denn bereits beim Erstellen des Forschungsauftrags wurde deutlich: Das gesamte System und die dahinter liegende Bürokratie sind nicht auf eine inklusive Gesellschaft ausgerichtet. «Die Voraussetzung für inklusive Forschung ist, dass von Anfang an auch alle Personen mit einer Beeinträchtigung miteinbezogen werden. Das ist jedoch erst dann möglich, wenn das Projekt und die Finanzierung bereits genehmigt wurden», erzählen Arbnora und Irina.

Im Vorfeld der Genehmigungsphase ist das Einbetten von Menschen mit einer Beeinträchtigung nämlich ethisch schwierig, weil sichergestellt werden muss, dass diese nicht ausgenutzt werden. Was theoretisch sinnvoll ist, stellt in der Praxis also eine Vielzahl von Hürden dar, gegen die die Forschungsgruppe ankämpfen musste.

Das sei extrem frustrierend gewesen, aber es verdeutlicht auch die Bedeutung solcher Projekte. «Selbst nach zehn Jahren sind wir noch nicht an dem Punkt angelangt, an dem wir wie eine ‘herkömmliche Forschungsgruppe’ bei der Uni oder bei Drittmittelgebern anklopfen können, um Gelder zu beantragen», sagt Arbnora. «Die Art der Forschung, die wir hier betreiben, fällt durch alle Raster.»

Was bedeutet dir die Forschungsgruppe?

Wichtig ist dieses Projekt nicht nur für die Forschung, sondern auch für die Betroffenen. «Es ist eine intellektuelle Arbeit, die sie sonst im Alltag nicht haben», sagt Irina. «Es ist ein tolles Gefäss, um nachzudenken und sich mal anders auszuleben. Denn die meisten Leute in der Gruppe, würden in einem anderen Zusammenhang niemals eine Hochschule betreten.» So soll das Projekt Räume öffnen und eine Zusammenarbeit fördern.

Für Baseljetzt haben sich alle Mitglieder der Gruppe die Frage gestellt, was ihnen dieses Projekt bedeutet. Um ihre Emotionen zum Ausdruck zu bringen, haben sie jeweils eines von vielen Kunstwerken einer Kreativwerkstatt aus Berlin, mit der die Gruppe momentan zusammenarbeitet, ausgesucht. Dieses erinnert sie auf eine besondere Art und Weise an ihre Arbeit am Projekt und verdeutlicht somit, was ihnen das Projekt bedeutet. Das sind die Resultate.

Unterschwellige Hürden und Probleme erkennen

Was siehst du beim Gedanken an Inklusion vor dir? Jemanden im Rollstuhl, der beim Anblick einer Treppe verzweifelt oder vielleicht die vielen BVB-Baustellen, die das Einsteigen in die Trams für Menschen mit einer Beeinträchtigung vereinfachen sollen? Diese Szenen spielen sich nämlich in den Köpfen der meisten Menschen ab, wenn sie mit dem Wort Inklusion konfrontiert werden.

Diese Situationen sind jedoch nur ein Bruchteil davon, was die betroffenen Personen täglich ertragen müssen. «Wir haben keine Ahnung, was es wirklich heisst, mit einer Beeinträchtigung zu leben», sagt Irina. «Die unterschwelligen Probleme und Ängste kriegen wir nur dann mit, wenn wir direkt mit den Betroffenen arbeiten und sprechen.»

So betonen Irina und Arbnora im Interview immer wieder, wie viel sie selbst in den vergangenen Jahren gelernt haben. «Es sind viele kleine Momente und Situationen, in denen wir merken, dass die Beeinträchtigung eine Rolle spielt oder die Mitglieder der Gruppe von der Gesellschaft behindert werden», erzählt Arbnora. «Häufig sind es banale Dinge, die mir nicht aufgefallen wären, würde ich nicht beispielsweise zu Forschungstagungen mit ihnen fahren», sagt auch Irina. «Wir reisen zusammen und erleben aus erster Hand Situationen, die nicht funktionieren.» Genau aus diesem Grund sei es so wichtig, diese Alltagssituationen gemeinsam zu erleben.

«Zusammen forschen, leben und lernen»

Diese Erfahrungen fliessen dann direkt in die Forschung der Gruppe ein. «Gemeinsam besprechen wir unsere Erlebnisse und untersuchen, wie die Mitglieder mit den Situationen umgehen und wie die Gesellschaft darauf reagiert.» Die Forschungsgruppe will so herauszufinden, wie wir alle zusammenleben können, wenn verschiedene Bedürfnisse und Möglichkeiten im Raum stehen. «Wir lernen so stetig voneinander und können Barrieren sichtbar machen, die sonst nicht sichtbar sind.» Das wiederum stösst einen Lernprozess an, von dem die Gruppe hofft, diesen auch nach Aussen tragen zu können.

Barrieren sichtbar machen: Diese Gruppe forscht mit statt über beeinträchtigte Personen
Ein veröffentlichter Text eines Mitgliedes der Forschungsgruppe.

Die Forschungsgruppe hat ein klares Ziel vor Augen: Sie möchten das Thema Inklusion in unserer Gesellschaft stärker in den Fokus rücken. Um dieses Ziel zu erreichen, publiziert sie Texte und sogar ganze Bücher zum Thema. Diese entstehen, wie alles in der Gruppe, aus einer Zusammenarbeit aller Mitglieder. «Wir begegnen uns auf Augenhöhe und teilen die Arbeit entsprechend auf», erklären Arbnora und Irina. «Egal, ob mit oder ohne Behinderung – wir arbeiten zusammen.» So agiert die Gruppe ganz nach dem Motto «gemeinsam forschen, leben und lernen».

Verbindung zwischen Forschung und Schule

Um ihre Forschung auch in akademischen Kreisen zu etablieren, fährt die Gruppe an internationale Tagungen und gibt Seminare an pädagogischen Hochschulen.

Ein Beweis dafür, wie viel das bewirken kann, ist Dürek Inak. Sie arbeitet als schulische Heilpädagogin in der Sekundarstufe 1 und ist seit einem Jahr Mitglied der Forschungsgruppe. «Ich besuchte an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) das Modul Interdisziplinäre Studien, welches von der Gruppe geleitet wurde», erzählt sie. «So habe ich alle kennengelernt und war sofort begeistert von der Arbeit.» Dürek hat kurzerhand angefragt, ob sie mitmachen könne und nun, ein Jahr später, ist sie ein fester Bestandteil des Teams.

Barrieren sichtbar machen: Diese Gruppe forscht mit statt über beeinträchtigte Personen
Dürek Inak studierte an der FHNW. Bild: zVg

«Man sprich so oft von Inklusion aber in ‘real life’ wird das fast nie umgesetzt», sagt sie. Das mache die Forschungsgruppe so speziell und bedeutend. «Besonders als Lehrperson ist es eine grosse Bereicherung, den neuen Blickwinkel aus der Gruppe in meine Arbeit an der Schule integrieren zu können.» So sieht sie aus erster Hand, wie Kinder mit einer Beeinträchtigung immer wieder handwerkliche Aufgaben erledigen müssen.

«Die Schule möchte sie damit fördern – was toll ist – aber ich frage mich dennoch, warum es immer handwerklich sein muss», sagt Dürek. Schliesslich sind auch Menschen mit Beeinträchtigungen in der Lage, intellektuelle Arbeiten zu erledigen. «Das ist so revolutionär an der Forschungsgruppe. Alle werden ernst genommen und können somit auch in kognitiven Bereichen aktiv sein.»

Feedback und Zukunft

Nach zehn Jahren ist die Forschungsgruppe noch lange nicht am Ende. Zwar wurden schon dutzende Projekte gemeinsam realisiert, die Mitglieder wollen aber noch mehr.

Wie wir das Projekt finanziert?

Der Verein Forschungsgruppe Kreativwerkstatt finanziert sich über (Lehr-)Aufträge (20%) und Spenden von Stiftungen und Privatpersonen (80%).

Ein konkretes Ziel im nächsten Jahr: Ein neues Buch herausbringen. Und auch viele weitere Ideen und Möglichkeiten kursieren bereits in den Köpfen von Irina, Arbnora und ihren Kolleg:innen. «Die Projekte gehen uns sicherlich nicht aus», sagen sie mit einem Lächeln. «Das Problem ist eher, dass das alles Geld kostet.» Die Gruppe nimmt sich für die Zukunft also vor, weiterhin mit Hochschulen zusammenarbeiten zu können, um ihre Liebe für das gemeinsame Projekt weiter ausleben zu können.

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