EKT nach dem Mord am Nasenweg: Wie wirksam ist diese Behandlung?
©Bilder: Keystone, Staatsanwaltschaft BS / MOntage: Baseljetzt
Elektrokonvulsion
Basel-Stadt

EKT nach dem Mord am Nasenweg: Wie wirksam ist diese Behandlung?

05.01.2026 07:00 - update 05.01.2026 06:57
Shahed Staub

Shahed Staub

Ein 33-Jähriger erstach 2024 eine Frau am Nasenweg und wurde vom Basler Strafgericht verwahrt. In der psychiatrischen Klinik soll ihm unter anderem eine Elektrokonvulsionstherapie (EKT) helfen. Wie funktioniert diese Behandlung?

Am 8. August 2024 tötete R. M.*, der an paranoider Schizophrenie leidet, eine 75-jährige Frau im Wohnhaus seines Vaters. Die Tat ereignete sich während eines unbegleiteten Freigangs von den Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK). Zehn Jahre zuvor hatte er an derselben Stelle bereits einen Doppelmord begangen.

Das Basler Strafgericht wertete die Tat des 33-Jährigen als Mord und ordnete für R. M. eine ordentliche Verwahrung an. Diese soll er in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik vollziehen, wo weitere Behandlungen möglich sind, darunter die Elektrokonvulsionstherapie (EKT). Die EKT gilt bei therapieresistenter Schizophrenie als eine valide Behandlungsoption.

Wie die Therapie abläuft und wie ihre Erfolgsaussichten eingeschätzt werden, erklärt Anette Brühl, Chefärztin am Zentrum für Affektive, Stress- und Schlafstörungen (ZASS) sowie am Zentrum für Alterspsychiatrie (ZAP) und stellvertretende Klinikdirektorin der Klinik für Erwachsene (UPKE) der UPK Basel.

Baseljetzt: Anette Brühl, können Sie kurz erklären, was die EKT ist und wie sie im Gehirn wirkt?

Anette Brühl: Bei der Elektrokonvulsionstherapie (dies ist der heute medizinisch verwendete Begriff für die EKT) wird unter einer kurzen Narkose mit Entspannung der Muskulatur durch elektrische Stimulation (Dauer maximal 8 Sekunden) ein kurzer epileptischer Anfall ausgelöst (Dauer typischerweise 30-60 Sekunden).

Durch diesen Anfall werden einerseits Botenstoffe im Gehirn ausgeschüttet (deutlich stärker als durch Medikamente) und andererseits auch Nervenwachstumsstoffe ausgeschüttet. Zudem werden vermutlich noch weitere elektrische Prozesse aktiviert und das Gleichgewicht zwischen aktivierenden und hemmenden Kräften im Gehirn insgesamt «entspannt». Insgesamt sieht es so aus, dass es zu einer Verbesserung in vielen Bereichen der Hirnfunktion kommt, was sich u.a. durch Volumenzunahmen in bestimmten Regionen zeigt.

Eine Behandlung mit EKT besteht in der Regel aus einer sogenannten «Serie» von Einzelbehandlungen (meist ca. 12 Behandlungen innerhalb von 4-6 Wochen, ggf. auch mehr), die bei Erfolg dann mit einer Erhaltungsbehandlung fortgesetzt wird, bei der dann in Abständen von 1-4 Wochen noch über eine längere Zeit (bei Depressionen eher (4-)6(-8-12) Monate, bei Schizophrenie eher 1-2 Jahre oder länger) der Behandlungserfolg stabilisiert wird.

EKT nach dem Mord am Nasenweg: Wie wirksam ist diese Behandlung?
Anette Brühl ist stellvertretende Klinikdirektorin der Klinik für Erwachsene (UPKE) der UPK Basel. Bild: zVg

Wie unterscheiden sich EKT und medikamentöse Therapie in der Wirksamkeit bei Schizophrenie?

EKT wird bei der Schizophrenie in der Regel in zwei Situationen eingesetzt: bei lebensbedrohlichen Zuständen wie Katatonie, wo die EKT teilweise sehr rasch erforderlich ist, und wenn die Schizophrenie nicht durch Medikamente behandelbar ist, eine sogenannte Therapieresistenz besteht.

Wenn man die Symptome der Schizophrenie unterteilt, dann sind es vor allem die sogenannten «positiven» Symptome wie Wahn, Halluzinationen und auch die Symptome, die mit depressiver Stimmung verbunden sind, die sich durch die EKT verbessern. Sogenannte «negative» Symptome wie verminderter Antrieb, vermindertes Interesse und fehlende Motivation hingegen verbessern sich durch die EKT in der Regel nicht gut. Bei Patient:innen, die bisher nicht (ausreichend) auf Medikamente angesprochen haben, kann die zusätzliche EKT eine Verbesserung von den genannten Symptomen bringen.

Die Erfolgschancen sind besser, wenn die Erkrankung noch nicht sehr lange besteht und noch nicht sehr chronifiziert ist. In der Regel wird die EKT zusätzlich zu einer medikamentösen Behandlung eingesetzt. Man geht von Ansprechraten (= deutliche Verbesserung der Symptome) von 50-70% aus, wenn EKT bei Therapieresistenz zusätzlich zu den Medikamenten gegeben wird.

Warum wird EKT als «letzte Chance» bei therapieresistenter Schizophrenie eingesetzt?

EKT wird eigentlich nicht als «letzte Chance» bezeichnet. Es gibt verschiedene Gründe, weshalb EKT bei Schizophrenie in Europa eher spät und eher selten eingesetzt wird: Dazu gehört das immer noch bestehende Stigma, das der EKT anhaftet (in Film und Medien wird EKT oft spektakulär-negativ dargestellt, u.a. mit Schmerzen und Bestrafung sowie einer «Auslöschung» des Gedächtnisses und/oder der Persönlichkeit verknüpft, ausserdem mit dem Entstehen von Zombies o.ä.). Es führt dazu, dass sowohl PatientInnen als auch Angehörige und Behandler oft erst als sehr späte Option an EKT denken.

Zudem haben Patient:innen mit schizophrenen Erkrankungen im Vergleich zu PatientInnen mit Depressionen meist weniger Einsicht und Krankheitsgefühl, sodass sie weniger nach weitergehenden Behandlungsmöglichkeiten suchen oder für diese offen sind. Wenn man jedoch bedenkt, dass eine längere Erkrankungsdauer in der Psychose und viele nicht erfolgreiche Therapien die Wirksamkeit der EKT reduzieren, sollte diese oft bereits früher in Betracht gezogen werden.

Welche Erfolgschancen gibt es konkret für therapieresistente Schizophrenie?

Generell hängen die Erfolgschancen von der Symptomatik und der Dauer der Erkrankung ab. Bei vorherrschenden Halluzinationen und Wahn sowie auch stimmungsbezogenen Symptomen und eher kürzerer Dauer (<10 Jahre) sind deutliche Besserungen bei ca. 70% der PatientInnen zu erwarten (in Kombination mit Medikation). Bei längerer Erkrankungsdauer sinkt diese Wahrscheinlichkeit auf ca. 50%. Wenn Negativsymptome im Vordergrund stehen, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich geringer.

Mitarbeit: Leonie Fricker

*Name der Redaktion bekannt

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