
Viking Cruises: Milliardengewinne auf Kosten der Mitarbeiter
Stefan Zischler
Kreuzfahrten auf dem Rhein sind hoch im Kurs, besonders bei Amerikanern und Chinesen. Cruise-Anbieter wie Viking Cruises profitieren davon. Das auf Kosten der Mitarbeiter, wie eine Reportage zeigt.
Europa mit dem Schiff zu bereisen und nebenbei Geld verdienen. Mit diesen Prämissen werden Schiffsmitglieder vor allem aus Ostasien angeworben. Die Arbeitsbedingungen auf den Schiffen sind aber nicht so glänzend, wie behauptet. Das geht aus einer Reportage von Zentralplus hervor.
Den Behörden sind die schwierigen Arbeitsverhältnisse auch zu Ohren gekommen, weshalb es am 22. April 2024 zur Untersuchung auf dem Schiff «Viking Eistla» kam. Das Kreuzfahrtschiff gehört der Reederei «Viking Cruises». Die Mitarbeiter des Kantons Basel-Stadt suchen nach möglichen Opfern von Ausbeutung und Menschenhandel.
Es werden 63 Angestellte kontrolliert und befragt. Die meisten Angestellten stammen aus China, einige aus Malaysia oder Osteuropa. Bei der Befragung geht es um ihre Arbeitszeiten, Pausen und ihren Lohn.
«Der Hotelmanager wollte, dass wir lügen.»
Während der Untersuchung sollen viele Mitarbeiter ihre Arbeitsbedingungen verschönert haben, unter Druck des Chefs. Das zeigen zumindest Konversationen zwischen Mitarbeitern des Schiffs, nach dem die Polizei ihnen einen Besuch abstattete. «Der Hotelmanager wollte, dass wir lügen. Wenn nicht, müssen wir packen und gehen. Also … haben viele Leute gelogen. Kannst du dir vorstellen, dass mehr als 50 Leute gleichzeitig lügen?» heisst in im Chatverlauf, welcher der Redaktion von zentralplus vorliegt.
Massive Überstunden, unmenschliche Behandlung und Abzüge vom Lohn
Da die Reederei in der Schweiz ansässig ist, fallen die Verträge unter Schweizer Arbeitsrecht. Der saisonale Arbeitsvertrag sieht eine Regelarbeitszeit von 8 Stunden pro Tag an 6 Tagen die Woche vor. Es sind aber Überstunden auf bis zu 12 Stunden pro Tag möglich, sowie eine Reduktion auf 2 Arbeitsfreietage im Monat. Der Lohn liegt für Kellnerinnen bei 2500, für Köche bei 3000 Euro im Monat. Was für uns vielleicht nicht nach viel klingt, ist für ostasiatische Arbeiter kein schlechter Deal.
Die Realität sieht aber anders aus, wie die Schiffsangestellten gegenüber zentralplus erzählen: «Als ich auf dem Schiff ankam, habe ich herausgefunden, dass die guten Sachen, die mir erzählt wurden, nicht stimmen». Ein Kellner erzählt: «In den ersten Wochen der Saison haben wir 15 bis 17 Stunden am Tag gearbeitet.» Die Überstunden wurden nicht vermerkt. Freie Tage gab es in den ersten drei Wochen gar nicht. Zudem wurde für eine Zweierkabine und Verpflegung und Vorankündigung 400 Euro vom Lohn abgezogen. Die Mitarbeiter seien von ihren Übergesetzten auch unmenschlich behandelt worden, wie ein Koch beschreibt: «In der Küche schrien uns die Vorgesetzten jeden Tag an. Ich mag es nicht, wenn man mich anschreit. Ich habe in vielen Küchen gearbeitet, aber so etwas ist mir noch nie passiert. Wir sind keine Esel, wir sind keine Hunde, wir sind menschliche Wesen.»
Rechtsexperte kritisiert Arbeitsverhältnisse
Michael Meier, Oberassistent für Arbeitsrecht an der Universität Luzern, ordnet die Arbeitsbedingungen als kritisch ein. Laut EU-Richtlinien seien 12-Stunden-Schichten zwar erlaubt, mehr aber nicht. Wenn Überstunden anfallen, müssen diese kompensiert werden. Demnach sind 15-Stunden-Schichten illegal. Überstunden müssten auch richtig dokumentiert werden, argumentiert Meier. Ausserdem gilt in der Schweiz, dass Arbeitgeber Unterkunft und Essen zahlen, falls der Angestellte nicht an einem gewöhnlichen Ort arbeite. Das Schiff zählt dabei zu einem aussergewöhnlichen Arbeitsort.
Das Unternehmen meinte auf Anfrage von zentralplus, dass ihre Verträge «vollumfänglich» mit dem EU-Recht übereinstimmen. Zudem würden ihre Verträge genauestens von Schweizer Ämter überprüft werden. Zu den Vorwürfen von den Mitarbeitern oder die Kosten für Unterkunft nimmt Viking Cruises keine Stellung.
Basler Beamte befragen Mitarbeiter der Viking Eistla
Neben der Viking Estla wurden im April 2024 in dreissig weiteren Betrieben nach Opfern von Menschenhandel und Ausbeutung gesucht. Die grosse Untersuchung wurde von nationalen und internationalen Polizeibehörden gefordert. Es bleibt aber offen, ob es dabei um einen konkreten Verdacht ging oder ob die ganze Branche verdächtigt wird.
Laut der Kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit wurden an Bord orts-, berufs- und branchenübliche Lohn- und Arbeitsbedingungen festgestellt. Auf dem Papier halte sich Viking also an die Auflagen. Die Viking-Mitarbeiter sagen aber, dass sie bei den Ermittlungen z.B. beim Thema Überstunden lügen sollten.
Beamte belügen: Gefährlich für Unternehmen und Mitarbeiter
So erzählte ein Koch des Schiffs: «Damals sagte uns eine Managerin, wenn diese Behörde fragt, wie viele Stunden wir arbeiten, sollen wir einfach sagen, 10 Stunden oder 8 Stunden. Sie wollte, dass wir lügen.» Eine weitere Hotellerie-Angestellte meinte: «Viele meiner Kollegen, die kein Englisch sprachen, logen die Beamten an. Sie hatten zu grosse Angst, heimgeschickt zu werden.»
Als eine der Schiffscrew das einer Basler Beamtin erzählte, meinte sie: «Wir können nur eine Verwarnung ausstellen. Viel mehr können wir nicht tun.» Ohne konkrete Beweise liesse sich schwer rechtliche Massnahmen ergreifen. Somit hat das kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit keine Strafanzeige eingereicht – obwohl mindestens eine Beamtin über das Lügen informiert worden war.
Das Staatssekretariat für Migration, das unter anderem kontrolliert, ob Personen ausserhalb der EU unter fairen Arbeitsbedingungen angestellt werden, habe auch «keine Kenntnis», dass auf dem Schiff etwas nicht nach rechten Dingen zu gehen würde. Für den Arbeitsrechtler Michael Meier ist klar, dass wenn nachweislich zum Lügen gegen die Behörden aufgefordert worden ist, dass sich sowohl das Unternehmen als auch die Mitarbeiter strafbar gemacht hätten.
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Lusy
Warum gibt es auf diesen Kreuzfahrten keine Karten mit Lesegeräten zur Arbeitszeiterfassung? So könnten Überstunden erfasst werden. Auf Hochseekreuzfahrten funktioniert das nur so, aber hier mitten in Europa tun sie so, als ob sie abgelenkt wären! Offenbar wollen sie die Gesetze umgehen und ihre Firmeninteressen schützen.
spalen
ist leider oft so, dass diejenigen, die die eigentliche arbeit machen, nicht die sind, die gut verdienen.