Basler Filmjournalist Michael Sennhauser gewinnt Ehrenpreis
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Solothurner Filmtage
Kultur

Basler Filmjournalist Michael Sennhauser gewinnt Ehrenpreis

07.01.2026 11:53

Baseljetzt

Der Journalist Michael Sennhauser schreibt und spricht seit über 30 Jahren über Filme. Nun erhält der gebürtige Basler an den Solothurner Filmtagen den Ehrenpreis Prix d’honneur.

«Ein Dinosaurier wird ausgezeichnet», sagt Michael Sennhauser im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Er ist der Gewinner des Prix d’honneur der kommenden 61. Solothurner Filmtage. Was er damit meint: Er arbeitet seit 1990 als Filmjournalist und war ab 2002 während über zwanzig Jahren Fachredaktor Film beim Schweizer Radio DRS2 beziehungsweise bei Radio SRF2 Kultur.

Problem: Filmkritik

Eine solche Karriere ist heute kaum noch denkbar. Sennhauser glaubt denn auch, dass die ausführliche Filmkritik in Tageszeitungen im Sterben begriffen sei. Gleichzeitig zeigt er sich überzeugt: «Neues wird entstehen.» Er sei kein Kulturpessimist: «Kultur wird nie verschwinden; es sind Formate, die verschwinden.»

Im Oktober 2024 hat Sennhauser SRF verlassen. Seine Pensionierung macht ihm Freude: «Es ist nur gut. Ich kann das Gleiche machen wie vorher – aber ohne Auflagen.» Es gäbe keine thematischen Zwänge mehr – die Oscars zum Beispiel oder Todesfälle von Stars. Auch keine formalen Vorgaben bezüglich Zeit, Gewichtung oder Umfang.

«Das Gleiche» heisst: Sennhauser schreibt über Filme. Nach einer dreimonatigen Pause hat er Anfang 2025 seinen Blog wieder reaktiviert, den es bereits seit 16 Jahren gibt. Er hat gegen 500 Abonnentinnen und Abonnenten, auch die täglichen Seitenaufrufe liegen bei rund 500, mit steigender Tendenz. Gelesen würden seine Texte von den gleichen Menschen, die ihn bei SRF2 Kultur gehört hätten, sagt Sennhauser: «Kulturaffine Leute im Alter von 50+ mit einer Vorliebe für das Studiokino.»

Bereits zwei Mal wurde Sennhausers Arbeit ausgezeichnet – 2010 mit dem Prix Pathé der Solothurner Filmtage und 2016 mit dem Prix Greulich.

Kaum Verrisse

Tausende von Filmen hat Sennhauser – der gebürtige Basler hat seine Abschlussarbeit an der Uni Basel über den Schriftsteller Joseph Conrad und den Regisseur Francis Coppola geschrieben – bislang gesehen, oft einen pro Tag, an Festivals bis zu sechs täglich. Abgebrüht sei er deshalb aber nicht. Er werde auch weiterhin überrascht und könne aus allen Werken etwas nehmen. «Vor allem habe ich diese Manie», sagt Sennhauser. «Ich beziehe jedes Werk auf 200 andere.» Er sei mehr Synthetiker als Analytiker.

Verrisse hat Sennhauser kaum geschrieben. «Kein Film ist so schlecht, dass ich nicht etwas lernen könnte. Kein Film ist so schlecht, dass ich ihn nicht fair besprechen könnte», sagt er. Verrisse seien ihm so oder so zu billig. Jemand habe vielleicht fünf Jahre an einem Werk gearbeitet, er brauche zwei Stunden, um es zu sehen, und dann eine Stunde, um alles hämisch in Grund und Boden zu schreiben. «Das behagt mir nicht.»

Ein guter Film

Was ist denn nun eigentlich ein guter Film? «Einer, der seine selbstgesetzten Ziele – und damit sein Zielpublikum – erreicht, indem er sich nicht nur an die – allenfalls selbst aufgestellten – Spielregeln hält, sondern diese auf originelle, persönliche oder herausfordernde Weise erweitert», sagt Sennhauser. Innerhalb dieser Kriterien könne er einen Autorinnenfilm, einen Fernsehfilm, Genrekino oder selbst eine Pornoproduktion einigermassen gerecht beurteilen. Allfällige moralische oder ethische Kriterien kämen dann in einer zweiten Stufe zum Tragen, «etwa beim Beurteilen eines Propagandafilms mit den Dimensionen der Nazi-Produktionen von Leni Riefenstahl».

Dabei kennt Sennhauser die Problematik, dass Filmkritik in den Medien seit vielen Jahren an Bedeutung verliert, zu wenig Mittel erhält und oft auch nicht ganz ernst genommen wird. Doch: «Auch in Spitzenzeiten haben nicht mehr als ein bis zwei Prozent der Zeitungslesenden ins Feuilleton geschaut.» Den Knackpunkt ortet er im «Suizidkurs», den die Verleger gegen SRF fahren würden. Sennhauser rät zum Gegenteil: Statt Fundamentalopposition empfiehlt er eine grosse, gemeinsame Online-Plattform, eine Mischung aus Agentur und Marktplatz, wie er es nennt. Das gäbe mehr Reichweite, mehr Einfluss, mehr Sichtbarkeit. «Diese Chance wurde verpasst.»

Die Entscheidungen in den derzeitigen Feuilletons würden nicht von kulturaffinen Menschen getroffen, sondern seien einzig getrieben von Klickzahlen. Einzelne Gefässe würden angeschaut; es gehe nicht um eine Aggregierung, sondern nur um die neuen Klicks. «Die grossen Medienhäuser haben gar kein Interesse, dass eine solide Kultur- und Filmberichterstattung funktioniert», so Sennhauser.

Fehlende Vielfalt

Als Vielleser bedauert er zudem die fehlende Vielfalt. «Dieselbe Filmkritik erscheint gleich in einer Handvoll oder sogar noch mehr Zeitungstiteln.» Einsteigerinnen und Einsteigern in den Filmjournalismus rät er, sich eine breite journalistische Basis zu erarbeiten. «Also nicht nur die Wunschthemen anzugehen, in diesem Fall eben die Filmkritik, sondern das ganze Umfeld dazu. Die Kulturpolitik, die Subventionen, die wirtschaftlichen Hintergründe.» Das helfe beim Verständnis der Materie und auch dabei, als Journalistin oder Journalist jenen Mehrwert anbieten zu können, der den Redaktionen zunehmend fehlt.

Was Filmkritik soll, fasst Sennhauser so zusammen: «Die richtigen Menschen in die richtigen Filme bringen. Das Publikum vor Enttäuschungen bewahren. Und: Die Leserinnen und Zuhörer sollen rechtzeitig merken, dass sie etwas verpassen, wenn sie sich diesen Film nicht anschauen gehen.»

Wertschätzung der Arbeit im Hintergrund

Der Prix d’honneur ist mit 10’000 Franken dotiert und «ein Zeichen der Wertschätzung für die vielfach im Verborgenen und ohne viel Aufsehen erbrachten Leistungen von Filmschaffenden», schreiben die Solothurner Filmtage zu ihrem Ehrenpreis. Verliehen wird er anlässlich der 61. Ausgabe am 22. Januar um 16.30 Uhr im Landhaus.

In einem täglichen Podcast während der Filmtage wird der diesjährige Preisträger Michael Sennhauser mit jungen und unabhängigen Journalistinnen und Journalisten Gespräche über das Kino, Kulturjournalismus und aktuelle Filme führen. Die Filmtage wollen damit einen Denkraum für Filmkritik und Austausch öffnen. Die 61. Solothurner Filmtage finden vom 21. bis 28. Januar statt. (sda/sih)

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Kommentare

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07.01.2026 11:03

spalen

film? sennhauser!
er ist aus der filmlandschaft der schweiz nicht wegzudenken. ein absolut verdienter preis!

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