Chefarzt am Unispital über schwere Brandverletzungen: «Die Folgen bestehen ein Leben lang»
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Crans-Montana
Basel-Stadt

Chefarzt am Unispital über schwere Brandverletzungen: «Die Folgen bestehen ein Leben lang»

07.01.2026 07:00 - update 07.01.2026 09:00
Jennifer Weber

Jennifer Weber

Bei der Brandkatastrophe in Crans-Montana verlor in der Neujahrsnacht eine hohe Zahl von Menschen ihr Leben und zahlreiche Verletzte erfordern spezialisierte medizinische Versorgung. Ein Experte des Unispitals Basel beschreibt die Behandlung von Brandopfern als komplex und aufwendig.

Bei der Brandkatastrophe in der Nacht auf den 1. Januar in Crans-Montana kamen 40 Menschen ums Leben. Insgesamt 116 Personen wurden verletzt. Auch in der Region Basel wurden Opfer des Brandes behandelt. So zum Beispiel im Universitätsspital Basel (USB). Wie das Unispital am Montag mitteilte, befinden sich aktuell jedoch keine Betroffenen mehr in Basel. «Die Patientinnen und Patienten vom Raum Crans-Montana wurden in spezialisierte Zentren verlegt», schrieb das USB auf Anfrage. Baseljetzt berichtete:

Im Interview mit Baseljetzt erklärt Dirk Johannes Schaefer, Chefarzt Plastische, Rekonstruktive, Ästhetische Chirurgie und Handchirurgie am USB, wie komplex und aufwendig die Behandlung von Brandopfern ist.

Chefarzt am Unispital über schwere Brandverletzungen: «Die Folgen bestehen ein Leben lang»
Professor Dirk Johannes Schaefer arbeitet am Universitätsspital Basel und ist Chefarzt Plastische, Rekonstruktive, Ästhetische Chirurgie und Handchirurgie. Bild: Baseljetzt

Baseljetzt: Welche Verletzungsmuster sind bei Bränden in geschlossenen Räumen typisch?

Dirk Johannes Schaefer: Typisch sind schwere Verbrennungen der Haut und Inhalationstraumata. Also, das Einatmen von Rauch, der nicht gut entweichen kann, und aufgrund der grossen Hitzeentwicklung in den geschlossenen Räumen Verbrennungen der exponierten Hautareale.

Was macht die Behandlung von Brandopfern besonders schwierig?

Das sind die Hautdefekte. Wir haben ein lokales Problem und durch den Verlust der Funktion der Haut als Barriere kommen systemische Veränderungen dazu: Flüssigkeitsverlust und Entzündungen durch Bakterien, die in den Körper eindringen.

Im Vergleich zu anderen Verletzungen: Wie viel schwieriger ist die Behandlung von Brandopfern?

Durch den Verlust der Haut und ihrer Schutzfunktion müssen die Patienten in sehr warmen Räumen gepflegt werden. Die Räume werden auf 35 Grad hochgeheizt. Man muss sehr aufwendige Verbände machen, die Bakterienvermehrung verhindern und gleichzeitig den Körper vor Austrocknung schützen. Die Behandlung ist sehr aufwendig. Wir rechnen bei einem Patienten mit einem aufwendigen Verbandswechsel mit zwei Stunden Zeitaufwand für fünf bis sechs Pflegende und Ärzte.

Bei dem Brandunglück in Crans-Montana sind bei den Opfern teilweise über 70 Prozent der Körperoberfläche verbrannt. Was bedeutet das genau? Und ab wann spricht man von einer lebensbedrohlichen Brandverletzung?

Es hängt immer auch vom betroffenen Menschen ab: Ist er jung? Ist er alt? Ist er in einem guten Gesundheitszustand? Man spricht in der Regel ab 20 Prozent von schweren Verbrennungen, weil es auch hier schon zu Komplikationen wie Multiorganversagen kommen kann.

Was bedeutet das?

Aufgrund der Verbrennungsfolgen – also des Austritts von Flüssigkeit ins Gewebe, des Verlusts von Flüssigkeit, des Eindringens von Bakterien und der vielen Botenstoffe, die der Körper dann aussendet – kann es zu Schockzuständen und schweren Infektionen kommen, die dann hauptsächlich die Funktion der Lunge und der anderen inneren Organe beeinträchtigen.

Wie lange dauert im Durchschnitt die Behandlung von schweren Brandverletzungen?

Ein Leben lang. Bei der Akutphase am Anfang gibt es viele Eingriffe, die man hintereinander koordiniert. Es werden abgestorbene Hautareale entfernt und im besten Fall durch körpereigene Hauttransplantate ersetzt. Parallel dazu findet die intensivmedizinische Behandlung mit langer Beatmung und Kreislaufunterstützung statt. Die Folgen bestehen ein Leben lang.

Dirk Johannes Schaefer erklärt, wie Haut transplantiert wird:

Was sind die Langzeitfolgen von Brandverletzungen?

Es sind, je nach Ausmass natürlich, die grossen Areale mit Narben – Narbenzügen und Narbensträngen –, die zu Kontrakturen, Einschränkungen von Gelenkfunktionen und Entstellungen im Bereich des Gesichts führen, die dann später durch korrigierende Eingriffe verbessert werden.

Kann man alles wiederherstellen, wie es mal war?

Das geht nicht mehr. Man kann es so gut wie möglich zu machen versuchen, damit die Patienten wieder sozial integrierbar sind. Damit sie ihre Würde zurückbekommen und nicht abschreckend auf ihre Umgebung wirken. Insbesondere bei Verbrennungen und Verbrennungsfolgen im Gesicht ist das normale Antlitz stark verändert. Und unsere Umgebung reagiert entsprechend mit Schrecken darauf. Hier gilt es, wieder ein möglichst normales Antlitz zu machen. Auch nur, dass man die Augen und den Mund öffnen kann, dass man wieder lächeln kann.

In Zürich und Lausanne gibt es Spezialzentren für die Behandlung von Brandopfern. Was können sie dort, was Sie hier am USB nicht können?

Die Behandlung von Schwerbrandverletzten braucht eine besondere Infrastruktur, besonderes Material und einen hohen Personalschlüssel. Im Rahmen der Hochspezialisierten Medizin der Schweiz (HSM) hat man diese speziellen Behandlungen angemessen auf den normalen Bedarf auf zwei Zentren konzentriert. Das ist sinnvoll für Schwerbrandverletzte.

Warum?

Weil es sehr aufwendig ist. Sie müssen hohe Vorhalteleistungen an Personal haben, sie brauchen spezielle Verbandsmaterialien. Unter Umständen auch Labors, in denen Haut gezüchtet werden kann, wie zum Beispiel in Lausanne. Es braucht spezielle Infrastrukturen mit Einzelzimmern, die isoliert werden können. Die Patienten müssen isoliert und geschützt vor Bakterien werden. Es braucht ausserdem spezielle Badewannen und spezielle OP-Einrichtungen.

Was sind Kriterien, die es verunmöglichen, einen Patienten weiterhin am USB zu behandeln, sodass man entscheidet, ihn in ein spezialisiertes Zentrum zu verlegen?

Man kann zum Beispiel sagen: Wenn bis maximal 20 Prozent der Körperoberfläche verbrannt ist, und dies in Gebieten der Fall ist, die nicht kritisch sind, dann können wir ihn noch hier behandeln. Also alles, was keine Intensivbehandlung erfordert. Wenn schwere Verbrennungen im Gesicht, an den Händen oder im Bereich der Füsse vorliegen, dann ist die Verlegung in ein spezialisiertes Verbrennungszentrum in der HSM festgelegt.

Matthias Hänggi, Leiter der Intensivmedizin am Universitätsspital Zürich, sagte, dass es für die Behandlung von Brandopfern auch eine gewisse Routine braucht. Es bringe nichts, einfach nur die Infrastruktur bereitzustellen. Die Fachpersonen müssen auch regelmässig mit solchen Fällen in Kontakt kommen. Wie sehen Sie das?

Ja, Matthias Hänggi hat vollkommen recht. Neben Material, Personal und Infrastruktur sind es auch die Prozesse, die eingespielt werden müssen. Zum einen, damit es routinemässig läuft und speditiv behandelt werden kann. Zum anderen: Es treten so viele verschiedene Fragestellungen im Verlauf der Behandlung zwischen Intensivmedizin und Lokalbehandlung auf, wo man sehr viel Erfahrung braucht. Auch von daher macht es Sinn, das an einer Stelle zu konzentrieren, um dort die Erfahrung zu bündeln.

Auch Brandverletzte aus Crans-Montana waren am Unispital Basel hospitalisiert. Wie haben Sie die Situation erlebt?

Wir haben früh am Donnerstagmorgen, am 1. Januar, davon gehört. Im Rahmen des schweizweiten Alarmplans wurde das Unispital angesprochen, ob es Patienten übernehmen könne. In Absprache mit der Spitalleitung und Intensivmedizin haben wir Betten für beatmete Patienten ad hoc zugesagt. Von diesem Moment an haben wir begonnen, uns vorzubereiten. Wir haben entsprechend Material besorgt und das Team rekrutiert, das sich um die Patienten kümmern kann. Parallel dazu hatten wir ein Netzwerk zwischen den plastisch-chirurgischen Abteilungen der Schweiz, wo wir uns ausgetauscht haben: Wer hat Platz? Wer macht was? Und wie läuft es? Sodass wir den ganzen Tag im Informationsfluss standen.

Ich persönlich habe die Situation als sehr gut koordiniert und kontrolliert empfunden. Wir wurden immer sehr gut informiert seitens der koordinierenden Behörden. Hier in Basel hat es sehr gut funktioniert.

Dieser Fall ist besonders schrecklich. Macht das etwas mit einem persönlich?

Ja. In dem Moment, wo man es hört und die Dimensionen erfasst, weil man es als «medical professional» auch von anderen, früheren Ereignissen kennt, weiss man: Jetzt kommt es darauf an. Jetzt müssen wir die Dinge organisieren und die Behandlungen durchführen, um möglichst viele Patienten zu retten und das beste Ergebnis zu erreichen. Es ist wie eine Berufung, die man als Mediziner hat, insbesondere auch als Chirurg, zu sagen: Jetzt kommt etwas und jetzt müssen wir bereitstehen.

Daneben gibt es auch die persönliche Betroffenheit. Mitgefühl auch für die Familien und die Betroffenen. Es betrifft viele junge Menschen. Wenn man selbst Elternteil ist, weiss man, was es bedeutet, wenn ein junger Mensch durch ein solches Ereignis aus der Mitte der Familie herausgerissen wird.

Mitarbeit: Florian Scheller

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