Leidensgeschichte
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Kevin Rüegg: «Es wurde zu wenig Rücksicht auf meine Gesundheit genommen»

06.07.2024 12:04 - update 06.07.2024 12:24
Florian Metzger

Florian Metzger

Dank Gott und seiner Familie findet Kevin Rüegg Halt in schwierigen Zeiten. Und davon hatte er einige. Zahlreiche Verletzungen warfen ihn immer wieder zurück. Im Trainingslager spricht der 25-Jährige über seine schmerzhafte Vergangenheit.

Baseljetzt: Kevin Rüegg, du bist erst 25 Jahre alt, hast aber schon viele Vereine erlebt. Hast du dir deine Karriere so turbulent vorgestellt?

Kevin Rüegg: Die vielen Wechsel waren natürlich nie mein Ziel und meine bisherige Karriere ist sicher nicht immer nach Plan verlaufen. Ich wollte immer ins Ausland gehen. Auch heute würde ich noch sagen, dass es vor vier Jahren der richtige Zeitpunkt dafür war. Durch die Verletzungen kam dann leider alles anders, als ich es mir erhofft hatte. Aber letztendlich haben mich diese Erfahrungen zu dem gemacht, der ich heute bin.

Wann hattest du deine erste Verletzung?

Schon in der Jugend hatte ich zwei Jahre lang Rückenprobleme. Da hiess es schon, ich solle mit dem Fussball aufhören. Aber ich habe mich durchgekämpft.

Die Karriere von Kevin Rüegg

  • Im Nachwuchs des FC Zürich wird Kevin Rüegg gross
  • Bei seinem Heimatverein unterschreibt er im Sommer 2017 seinen ersten Profivertrag
  • Im Sommer 2020 folgt der Wechsel in die Serie A zu Hellas Verona
  • Nach mehreren Verletzung folgt im Februar 2022 eine Leihe nach Lugano
  • Im Sommer darauf wird er zum BSC Young Boys ausgeliehen
  • Ein Jahr später folgt im Sommer 2023 die Leihe nach Basel
  • In diesem Sommer übernimmt der FCB den 25-Jährigen definitiv

Und als du dann Profi beim FCZ wurdest, hast du dir das Innenband im Knie gerissen.

Da hat alles seinen Lauf genommen, würde ich sagen. Nach dieser Verletzung hatte ich auch diverse Folgebeschwerden an anderen Körperteilen. Aber über diese Verletzung möchte ich eigentlich gar nicht so viel reden.

«Ich war etwas naiv»

Warum nicht?

Sagen wir es so: Es wurde damals sicher zu wenig Rücksicht auf meine Gesundheit genommen und eine Rückkehr auf den Platz wohl zu schnell forciert. Und natürlich habe ich mich aber auch selbst unter Druck gesetzt, so schnell wie möglich wieder auf dem Platz zu stehen.

Und was waren die Konsequenzen?

Hätte ich die Verletzung einfach auskuriert, wäre eine Operation wahrscheinlich nicht nötig gewesen. Da ich den Rest der Saison mit Schmerzen gespielt habe, wurde es immer schlimmer. Deshalb musste ich unters Messer. Ich war jung und hatte grosses Vertrauen in alle. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich etwas naiv war. Heute würde ich es sicher anders machen.

Trotz dieser Verletzungen konntest du in die grosse Serie A wechseln. Was hat dieser Wechsel zu Hellas Verona für dich bedeutet?

Es war nicht so, dass für mich ein Traum in Erfüllung gegangen wäre. Für mich war es einfach der nächste Schritt. Ich wollte voll angreifen und zeigen, dass ich auch auf diesem Niveau mithalten kann. Ich wollte mich beweisen, um danach noch einen Schritt weiter gehen zu können.

Aber es kam anders…

Der Start in Italien war eigentlich ganz gut. Ich erinnere mich noch gut an das erste Spiel, in dem ich gleich einen Teileinsatz hatte. Wir haben gegen AS Rom eigentlich 0:0 gespielt. Weil Rom aber einen Spieler eingesetzt hat, der nicht spielberechtigt war, haben wir das Spiel 3:0 forfait gewonnen. Kurz danach fiel ich aber wegen einer Muskelverletzung im Oberschenkel für einige Zeit aus.

Was war der schlimmste Moment in deiner Karriere?

Einen wirklich schlimmen Moment hatte ich zum Glück nicht. Aber zu dieser Zeit in Verona hatte ich sehr viel Pech. Mein direkter Konkurrent verletzte sich und ich wusste sofort, dass das meine Chance war, zu spielen und mich durchzusetzen. Aber nur wenige Minuten später im selben Spiel ereilte mich das gleiche Schicksal. Er war dann zwei Wochen vor mir wieder fit und dementsprechend in der Hierarchie wieder vor mir.

«Ich musste immer wieder Rückschläge einstecken»

Als du wieder fit warst, folgte kurz darauf die Knöchelverletzung.

Auch das war sehr unglücklich. Diese Verletzung hat mir lange Probleme bereitet. Zuerst behandelten mich die Ärzte mit Spritzen. Aber das half nicht. Ich habe monatelang daran gearbeitet, dass es besser wird. Am Ende stellte sich aber heraus, dass ich meinen Fuss zwei oder drei Wochen lang nicht hätte belasten dürfen. Als ich das dann gemacht habe, ist es endgültig verheilt. Aber ich habe dort viel Zeit verloren.

Du hast danach nicht mehr viel für Verona gespielt. Warum bist du dann zuerst nach Lugano und dann zu YB ausgeliehen worden?

Eigentlich wollte ich in Italien bleiben. Ich war endlich wieder fit und wollte zeigen, dass ich mich hier durchsetzen kann. Mit meinen Beratern haben wir dann aber gemeinsam entschieden, dass eine Leihe sinnvoller ist, damit ich Spielpraxis sammeln kann. Diese Entscheidung hat sich im Nachhinein als sehr gut erwiesen.

In Bern war dann wohl deine erfolgreichste Zeit in deiner Karriere?

Auf dem Papier ist das so. Für mich persönlich wäre es schöner gewesen, wenn ich gesund geblieben wäre. Kurz vor der Winterpause habe ich mir einen Muskelfaserriss zugezogen. Normalerweise dauert so eine Verletzung nur vier bis sechs Wochen. Ich hatte fast fünf Monate damit zu kämpfen. Das lag auch daran, dass ich erneut zu früh eingestiegen bin und immer wieder Rückschläge einstecken musste.

War das auch der Grund, warum YB dich nicht definitiv übernommen hat?

Wahrscheinlich. Im Sommer 2023 musste ich angeschlagen zurück nach Italien. Ich wusste nicht, ob ich dortbleiben kann oder wieder weg muss. In dieser Zeit wurde ich in Italien links liegen gelassen, weil Verona nicht mehr mit mir plante. Das war eine schwierige Zeit für mich. Umso glücklicher war ich dann, als ich die Chance hier in Basel bekam.

Wie kam es zum Wechsel ans Rheinknie?

Ich wusste, dass es in diesem Sommer nicht einfach sein würde, einen Verein für mich zu finden. Welcher Klub verpflichtet schon einen angeschlagenen Spieler? Ich hatte zwar einige Angebote auf dem Tisch, die aber nicht meinen Vorstellungen entsprachen. Als Basel anklopfte, wusste ich sofort, dass ich dort gut aufgehoben bin. Ich habe mich unglaublich gefreut, dass sich trotz meiner Situation eine so gute Möglichkeit ergeben hat.

Wie war der Start als ehemaliger FCZ-Spieler in Basel?

Ich wusste , dass mich aufgrund meiner Vergangenheit nicht alle mit offenen Armen empfangen werden. Das ist normal und gehört dazu. Ich kann das gut nachvollziehen. Ich versuche, die Fans mit guten Leistungen zu überzeugen.

«Die Ungewissheit war sehr belastend»

Nach Teileinsätzen in der Vorrunde und einem erneuten Muskelfaserriss im Winter konntest du in der Rückrunde wieder mehr spielen. Wie wichtig war dieses letzte halbe Jahr für dich?

Es hat mir sehr gutgetan, endlich wieder spielen zu können, auch wenn es sportlich keine einfache Situation für uns war. Ich habe mich für diese Farben zerrissen, um die Klasse halten zu können. Das ist uns dann auch gelungen. Leider konnte ich im letzten Saisonspiel verletzungsbedingt wieder nicht spielen.

Trotzdem hat der FCB mit dir um drei Jahre verlängert. Wie wichtig ist diese Sicherheit für dich?

Das ist für mich und meine Familie unglaublich wertvoll. Endlich konnte ich die Sommerferien wieder geniessen, weil ich wusste, bei welchem Verein ich nächste Saison spielen werde. Ich spüre das Vertrauen des Vereins und schätze das sehr. Die Ungewissheit in den letzten Jahren war für mich sehr belastend. Das Schönste ist, dass ich die ganze Vorbereitung mit der Mannschaft machen kann und physisch auf Augenhöhe mit den anderen Spielern bin. Ich bin wieder topfit.

Willst du in Basel deine Karriere neu lancieren?

Ich möchte mich hier einfach wieder beweisen können. An einen Wechsel ins Ausland denke ich momentan nicht, auch wenn dieser Traum noch nicht abgehakt ist. Meine Gesundheit steht im Vordergrund. Wenn ich fit bleibe, kommt alles von selbst. Ich will alles dafür tun, dass wir mit dem FCB in den nächsten Jahren wieder erfolgreich sind.

Was haben die Verletzungen rückblickend mit dem Menschen Kevin Rüegg gemacht?

Als ich jung war, habe ich mir nichts dabei gedacht, wenn ich verletzt war. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich mir Gedanken gemacht, ob ich meine Ziele so noch erreichen kann. Phasenweise hatte ich einen Kampf mit mir selbst. Ich habe mich gefragt, was ich falsch gemacht habe, dass ich wieder verletzt bin. Aber ans Aufhören habe ich nie gedacht. Dafür bin ich zu stur. Inzwischen habe ich einen guten Umgang mit Verletzungen gefunden. Auch dank Gott. Durch meinen Glauben und natürlich meine Familie kann ich in schwierigen Zeiten immer positiv bleiben und neue Kraft tanken.

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Kommentare

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07.07.2024 12:12

Sonnenliebe

Bewundernswert dieser Mann

1 0
06.07.2024 12:49

spalen

soviel pech – und trotzdem so viel elan. das ist bewundernswert!

1 0

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