Von Wohnungsnot zur Gemeinschaft: 100 Jahre Wohnbaugenossenschaft Basel
©Bild: Barbara Bühler
Jubiläum
Basel-Stadt

Von Wohnungsnot zur Gemeinschaft: 100 Jahre Wohnbaugenossenschaft Basel

06.12.2025 09:00
Giulia Ballmer

Giulia Ballmer

Vor 100 Jahren wurde die Mieterbaugenossenschaft (MBG) aus reiner Not gegründet. Heute prägt sie Basels gemeinschaftliches Wohnen: Die Ausstellung im Architekturmuseum zeigt, wie aus Krisen neue Wohnformen entstehen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Zeitstrahl des Wohnungsmarkts in Basel zeigt, dass Wohnungsnot vor allem nach Kriegsjahren herrschte
  • In den 80er-Jahren wuchs das Bedürfnis nach einer neuen Wohnform, die nicht dem typischen Familienmodell entspricht
  • Die neue Wohnform «Hallenwohnen» ist nachhaltig und platzsparend

Kinder spielen im Hof, Feste in der Nachbarschaft, das Zusammenleben ist lebendig und kreativ: «Alle haben den Willen und die Möglichkeit, ein schönes Miteinander zu gestalten, das macht es so bunt.» So charakterisiert eine Bewohnerin der Coco-Genossenschaft das genossenschaftliche Wohnen auf dem Areal Lysbüchel.

Doch das, was heute als modernes Wohnen gilt, war vor 100 Jahren keineswegs der Ausgangspunkt der Wohnbaugenossenschaften: Damals, im 20. Jahrhundert, ging es nicht um das gemeinschaftliche Wohnen, sondern um Not. In der Stadt herrschte Wohnungsknappheit. Aus dieser Krise heraus entstand am 4. Juni 1925 die Mieterbaugenossenschaft (MBG) in Basel. Sie besteht bis heute.

Seit einem Jahrhundert setzt sich die MBG für genossenschaftliches Wohnen ein.

Zeitstrahl des Wohnungsmarkts in Basel

Beginn 20. JahrhundertDurch die Industrialisierung wuchsen die Städte rasant, jedoch nicht an Wohnraum, sondern an Menschenmassen. Der Wohnungsfortschritt kam damit nicht mit.
1914-1919 (Erster Weltkrieg)Der Krieg hat das Bauen sehr verteuert und erschwert, es entstanden daher kaum neue Wohnungen.
In den Kriegsjahren ging die Bauquantität um 80 Prozent zurück.
1920er-JahreDie Wohnungsnot verschärfte sich weiter.
Deshalb gründeten 18925 acht Basler die MBG.
1. April 1926 Erste sichtbare Erfolge:
Es entstanden 48 Wohnungen zwischen der Strassburgerallee und Rixheimerstrasse.
1930er-JahreDer Wohnungsmarkt in Basel entspannte sich.
1939-1945 (Zweiter Weltkrieg)Durch den Zweiten Weltkrieg entwickelte sich die Wohnungsknappheit erneut. Ab 1942 förderte der Bund genossenschaftliche Wohnungen und Subventionen. Die Genossenschaften in der Schweiz nehmen zu.
Die NachkriegszeitDurch den wirtschaftlichen Aufschwung und den Babyboom wuchs der Wunsch nach Lebenskomfort: Wünsche nach eigenen Badezimmern, Waschmaschinen und Autogaragen häuften sich.
Ab 1950er-JahreDie MBG wurde zu einer Genossenschaft, in der viele junge Familien lebten und beliebt war wegen der bezahlbaren Wohnungen.

Wunsch nach neuer Wohnungsform

Im späteren 20. Jahrhundert wandelten sich die Wohnbaugenossenschaften in eine andere Richtung. In den 80er-Jahren demonstrierten tausende Menschen in Zürich gegen die Wohnungsknappheit. Aktivist:innen besetzten ehemalige Abbruchhäuser oder Industriebauten und wandelten sie zu Wohn-/Lebensräumen um. Der Wunsch nach neuer Wohnungsform wurde grösser.

Aus diesen Forderungen entwickelten sich offizielle Projekte, wie die sogenannten Hallenwohnungen: Das bezeichnet eine Wohnform, bei der grosse, hohe Hallen, oftmals ehemalige Industrieräume, zu Wohnflächen umgenutzt werden. «Es ist für Menschen, die andere Wohnbedürfnisse haben», erklärt die Kuratorin der Ausstellung «Wohnen für Wohnen» im Schweizerischen Architekturmuseum, Anaïs Auprêtre de Lagenest.

Ausstellung «Wohnen fürs Wohnen»

Im Schweizerischen Architekturmuseum Basel findet zurzeit eine Ausstellung zur Geschichte und Bedeutung des gesellschaftlichen Wohnens fokussierend auf Basel statt. Sie trägt den Namen: «Wohnen fürs Wohnen»

  • Die Ausstellung erstreckt sich über fünf Räume.
  • Es sind verschiedene Wohngenossenschaften aus Basel ausgestellt.
  • Das Architekturmuseum stellt neue Form des Wohnens vor: Hallenwohnen
  • Die Ausstellung thematisiert die Zukunft des genossenschaftlichen Wohnens.

Das Projekt Zollhaus

Ein bekanntes Beispiel für Hallenwohnen ist das Projekt Zollhaus Zürich. In eines der Ausstellungsräume im Architekturmuseum wurde das Zollhaus nachgebaut. Laut der Kuratorin sei es das radikalste Wohnexperiment, die es im genossenschaftlichen Wohnungsbau gibt. Die Raumhöhe ist über vier Meter hoch und beträgt eine Fläche von etwa 275 Quadratmetern. Im Zollhaus teilen sich 20 Personen zusammen einen grossen Raum.

Solche Hallenwohnungen haben keinen vorgegebenen Grundriss. Bewohner:innen gestalten ihre Räume selbst mit Trennwänden, Vorhängen und mobilen Wohngrundrissen auf Rädern. «Man ist immer in einem neuen Wohnsetting», erklärt Ausstellungskuratorin Anaïs Auprêtre de Lagenest.

Das Video zeigt das Zollhaus Zürich. Man sieht gut, wie man die einzelnen Grundrisse verschieben kann und sich somit eine ganz neue Einrichtung ergibt.

Film: Enzmann Fischer Partner

Hallenwohnen sei nachhaltig

Die Wohnfläche einer Person in der Schweiz beträgt laut Bundesamt für Statistik durchschnittlich 46,6 Quadratmeter. Hingegen fällt sie bei Gemeinschaftswohnungen deutlich geringer aus: Dort stehen pro Person etwa 36 Quadratmeter zur Verfügung, wie die Kuratorin der Ausstellung aufzeigt.

Noch nachhaltiger seien Hallenwohnungen: «Pro Person sind das unter 30 Quadratmetern, inklusive gemeinschaftliche Aussenbereiche», erklärt sie. «Hallenwohnen könnte eine Lösung für die Wohnherausforderungen der Zukunft sein», sagt Auprêtre de Lagenest. Jedoch betont sie, dass Hallenwohnen nicht jede:n ansprechen, da der private Raum deutlich kleiner ist als in anderen Wohnungen. «Es ist für Menschen geeignet, die andere Wohnbedürfnisse haben und nicht nach dem typischen Familienmodell leben wollen.»

Von Wohnungsnot zur Gemeinschaft: 100 Jahre Wohnbaugenossenschaft Basel
Ein Bild aus dem Zollhaus Zürich.Bilder: Keystone

Die Ausstellung «Wohnen fürs Wohnen» im Architekturmuseum Basel dauert noch bis am 19. April 2026. Weitere Informationen zur Ausstellung findest du hier.

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