Zehn Jahre Basler Gastfamilienprogramm: Erfolgsgeschichte der Integration von Geflüchteten
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Gastfamilien für Geflüchtete
Basel-Stadt

Zehn Jahre Basler Gastfamilienprogramm: Erfolgsgeschichte der Integration von Geflüchteten

14.12.2025 15:20
Laura Pauli

Laura Pauli

Das Basler Gastfamilienprogramm fördert Integration durch das Zusammenleben von Geflüchteten mit lokalen Familien. Es gibt Sicherheit, bildet neue Netzwerke und bringt Einblicke in kulturelle Vielfalt.

Seit zehn Jahren öffnet das Basler Gastfamilienprogramm Türen: Zimmer, Küchen und manchmal auch Herzen. Rund 25 bis 30 Geflüchtete leben aktuell in Basler Haushalten. Was für die einen ein sicherer Einstieg in ein neues Leben bedeutet, ist für die anderen eine Bereicherung, die den Alltag verändert. Drei Perspektiven zeigen, wie das Programm wirkt und wo es an Grenzen kommt.

«Offenheit ist das A und O»

Seit Sechs Jahren lebt die 23-jährige D.A. (Name der Redaktion bekannt) aus Eritrea nun bei einer Gastfamilie. Als sie 2020 einzog, suchte er vor allem eines: ein Zuhause, in dem sie Deutsch lernen konnte und nicht alleine war.

«Ich habe sofort gemerkt, dass sie gastfreundlich sind. Dieser Eindruck hat mich bis heute nicht enttäuscht», sagt sie. Ihre Gasteltern, der Vater aus Deutschland, die Mutter aus den USA, begleiten sie seit ihrer Ankunft durch Ausbildung, Alltag und schwere Momente. «Wenn ich Stress habe, unterstützen sie mich. Fast wie Eltern.»

Doch nicht alles verlief reibungslos. Bei der Lehrstellensuche musste die 23-jährige externe Unterstützung in Anspruch nehmen: «Mit dem Schweizer Bildungssystem waren meine Gasteltern überfordert, da sie nicht in der Schweiz aufgewachsen sind.» Trotzdem: Durch das Zusammenleben gewann sie Sicherheit, Netzwerke und Einblicke in eine für ihn neue Welt. Heute hat sie eine Berufslehre abgeschlossen und plant Weiterbildungen. Auch aufgrund des Zuspruchs ihrer Gastfamilie.

Ihr Tipp an andere Geflüchtete: «Offen sein und respektvoll. Und direkt sagen, wenn etwas nicht stimmt. Das hilft, jedenfalls bei mir.»

Integration im Alltag

Als 2015 die grosse Flüchtlingsbewegung Europa erreichte, entschied sich Loretta van Oordt, jungen Geflüchteten bei sich Unterkunft zu bieten. In ihrem grossen Haus mit mehreren Wohnungen nahm sie mehrere junge Männer aus Afghanistan auf. «Die Not war offensichtlich, und da war für uns klar: Wir können helfen», erinnert sie sich.

Drei Jugendliche zogen in die verschiedenen Wohnungen ein, fast wie eine WG. Bei Loretta versammelten sie sich zum wöchentlichen gemeinsamen Kochen. «Wir haben viel voneinander gelernt. Zum Beispiel, dass es in Afghanistan keine Geburtstage gibt, weil man teilweise nicht einmal den genauen Tag der Geburt kennt.»

Die Integration verlief unterschiedlich: Einer lernte schnell Deutsch, ein anderer tat sich mit Schrift und Regeln schwerer. Doch Respekt, Humor und Geduld seien entscheidend gewesen, auch bei kleinen Alltagsthemen: «Einem mussten wir zeigen, wie man Messer und Gabel benutzt. Aber das kann man ja lustig machen. Ohne Moralpredigt.»

Die Beziehung blieb für viele Jahre bestehen. «Es ist eine Bereicherung. Die Familie wird grösser, auch wenn sie später ihr eigenes Leben führen.»

Doch Loretta betont: Nicht jede Herausforderung lässt sich lösen. Besonders interkulturelle Konflikte oder unterschiedliche Vorstellungen über Beziehungen seien komplex. «Man muss offen sein, aber nicht missionarisch. Sie sollen nicht Schweizer werden, sondern Menschen, die hier ihren Platz finden.»

Gezielte Auswahl

Ursula Baum, Geschäftsleiterin der GGG Benevol, leitet das Programm seit der Gründung. Wenn sie auf die letzten zehn Jahre zurückblickt, spricht sie von einem «Projekt, das fast nicht zustande gekommen wäre und heute ein Kernstück der Integrationsarbeit ist».

Das Programm hat viel gesehen: die Syrienkrise, Corona, die Solidaritätswelle 2022 nach Kriegsbeginn in der Ukraine, in der innert Wochen 400 Gastfamilien fast 1’000 Schutzsuchende aufnahmen. «Es war berührend, aber auch ein logistischer Ausnahmezustand.»

Baum betont: Die Flüchtlinge sind handverlesen. Nur Menschen mit anerkanntem Status und klarer Motivation kommen infrage, und auch die Gastfamilien durchlaufen Gespräche zur Abklärung ihrer Vorstellungen. «Essen, Nähe-Distanz, Rückzugsmöglichkeiten, kulturelle Unterschiede, das muss man alles besprechen.»

Positive Resultate

Die Resultate sprechen für sich, betont Baum: Die jungen Geflüchteten verbesserten ihre Sprachkompetenzen signifikant, viele schafften den Sprung von A1 auf C1. Rund 85 Prozent befanden sich am Ende des Gastverhältnisses entweder in einer laufenden oder bereits abgeschlossenen Berufsausbildung. Zudem sind die meisten nahezu vollständig unabhängig von Sozialhilfe geworden.

Doch auch für die Gastfamilien verändert das Zusammenleben einiges. «Viele sagen, dass sie Neues lernen, mehr Austausch haben und sehen, wie motiviert diese jungen Menschen sind. Es wirkt in beide Richtungen.»

Gemeinschaft als Fundament

Für die Zukunft sieht Baum die grösste Herausforderung darin, weiterhin genügend Familien zu finden. «Gesellschaftlich gibt es immer wieder Wellen der Offenheit. Aber Flucht wird uns auch die nächsten zehn Jahre begleiten. Wir hoffen, dass Menschen weiter Platz schaffen.»

Ob Eritrea, Afghanistan oder Ukraine, die Geschichten ähneln sich: Das Programm wirkt dort, wo Menschen sich öffnen. Wo sie teilen. Wo sie bereit sind, ein Stück Alltag miteinander zu leben. «Denn egal, wo wir in der Welt sind, am Ende sind wir alle einfach Menschen» so Baum abschliessend.

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14.12.2025 14:21

Tarantinoo

Oh cool immer

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