Mehr als eine «Taylor-Swift-Reference»: Die Bedeutung von «Female Rage»
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Literaturwissenschaft
Basel-Stadt

Mehr als eine «Taylor-Swift-Reference»: Die Bedeutung von «Female Rage»

05.06.2024 18:09 - update 06.06.2024 10:30
Larissa Bucher

Larissa Bucher

Taylor Swift hebt mit «The Tortured Poets Department» das häufig tabuisierte Thema «Female Rage» ins Rampenlicht und fordert uns auf, die tief verwurzelten Vorurteile gegenüber weiblicher Wut neu zu betrachten.

Unprofessionell, hysterisch und irrational – das sind nur einige der Begriffe, mit denen Frauen häufig abgestempelt werden. Weshalb? Weil sie ihre Wut zum Ausdruck bringen. Historisch gesehen wurden Frauen dazu erzogen, ihren Zorn zu unterdrücken. Er wurde und wird oftmals weiterhin als unweiblich und unangemessen angesehen.

Häufig entsteht diese «Female Rage» aber als Reaktion auf systemische Ungerechtigkeiten wie geschlechtsspezifische Diskriminierung, sexuelle Belästigung, ungleiche Bezahlung und mangelnde Repräsentation. Sie dient vielen Frauen historisch gesehen also als wichtige Motivation, für Veränderungen zu kämpfen. Dazu aber später mehr.

Was bedeutet «Female Rage»?

«Female Rage» oder weibliche Wut bezieht sich auf den Ausdruck von Wut und Frustration durch Frauen, oft als Reaktion auf gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, Diskriminierung und Unterdrückung. Diese Form der Wut hat in den letzten Jahren an Sichtbarkeit und Bedeutung gewonnen, da immer mehr Frauen ihre Stimmen erheben, um gegen die patriarchalen Strukturen und die damit verbundenen Ungerechtigkeiten zu kämpfen.

«Female Rage» als Konzept in Swifts Liedern

Spätestens seit Anfangs Mai 2024 setzten viele den Begriff «Female Rage» unter anderem in Verbindung mit Mega-Star Taylor Swift. Diese veröffentlichte zuletzt das Doppelalbum The Tortured Poets Department, welches bereits in ihre laufende «Eras Tour» integriert wurde. «Female Rage – The Musical» nennt die 34-Jährige das Set auf der Konzert-Bühne. Seither geht der Ausdruck um die Welt.

Das kommt nicht überraschend, denn das Konzept der weiblichen Wut gewinnt in den vergangenen Jahren immer mehr an Bedeutung in Swifts Musik. Häufig sind Anspielungen auf unterdrückte Emotionen und weibliche Wut in ihren Texten zu finden. In Liedern wie Mad Woman aus dem Album Folklore thematisiert sie die gesellschaftliche Reaktion auf weibliche Wut und die Doppelmoral, mit der wütende Frauen oft konfrontiert werden.

Diese Texte sprechen nicht nur Swift’s persönliche Erfahrungen an, sondern auch die vieler Frauen, die sich in einer Gesellschaft wiederfinden, die weibliche Wut oft als irrational oder unangebracht abtut.

Who’s Afraid of Little Old Me?

Im neusten Album The Tortured Poets Department hören wir Swift nun mit einer tiefen Verletzlichkeit, die an die Confessional Poets der 50er- und 60er-Jahre erinnert.

Was ist Confessional Poetry?

Das Wort «Confessional» kommt aus dem englischen und bedeutet „Geständnis“, oder „Eingeständnis“. Confessional Poetry bezeichnet Werke, die oft intime und wenig schmeichelhafte Details aus dem Leben der Poet:innen thematisieren. In den Anfangszeiten wurden dabei häufig gesellschaftliche Tabus gebrochen, in dem über Sexualität oder psychische Krankheiten geschrieben wurde.

«Was mich an dem Album am meisten verfolgt hat, sind die wiederkehrenden suizidalen Gedanken», sagt Rachael Moorthy, Literaturwissenschaftlerin und Autorin. Den Vergleich zu Sylvia Plath zu ziehen, sei alles andere als weit hergeholt. «Auch sie war eine konventionell attraktive, privilegierte, nicht-melaninierte Frau und Künstlerin, die ‘auf dem Papier’ alles hatte, aber trotzdem eine zutiefst gequälte und komplexe Persönlichkeit war.»

Das ist aber nicht die einzige Parallele zu bekannten Autorinnen der Literaturgeschichte. In Songs wie Who’s Afraid of Little Old Me spielt Swift nicht zuletzt mit einer Anspielung auf „Who’s Afraid of Virginia Woolf“ (1962) von Edward Albee. Ein vielschichtiges Stück, welches alles von hysterischer Schwangerschaft bis hin zu der brodelnden Wut, die unter der Oberfläche der höflichen Gesellschaft existiert, thematisiert.

Die Wurzeln der «wahnsinnigen Frau»

Mindestens seit es Literatur von starken Frauen über ihre eigene Wut gibt, existieren auch Texte, die genau diese Emotionen pathologisieren. «Speziell mit Blick auf den westlichen Literaturkanon, der einen Grossteil des Diskurses über „verrückte Frauen“ und weibliche Wut geprägt hat, können wir das vorherrschende Verständnis von weiblicher Wut und Wahnsinn auf die soziokulturellen und religiösen Wurzeln zurückführen», sagt Moorthy.

Dabei sei es wichtig, die patriarchalischen Zivilisationen des Nahen Ostens und der griechisch-römischen Welt zu berücksichtigen, die stark von religiösen und philosophischen Ideologien beeinflusst waren, die Frauen mit Irrationalität, Wut, dem Bösen und Wahnsinn in Verbindung brachten. «Die Verbindung zwischen Frauen und Wahnsinn lässt sich in ätiologischen Mythen und Theodizeen beobachten.» So beispielsweise in Evas Erbsünde oder der Büchse der Pandora – zwei Schöpfungsmythen, die eine Frau für das Böse in der Welt verantwortlich machen und damit bestimmte Überzeugungen in der etablierten sozialen Ordnung kodifizierten.

Was passierte schon wieder mit Medusa?

Weiter werde weibliche Wut nur dann normalisiert, wenn sie gegen sich selbst gerichtet ist, sagt Moorthy und spricht vom «Lucretia-Medusa-Spektrum weiblicher Opferrolle». «Lucretia, die nach ihrer Vergewaltigung Selbstmord begeht, wird als kanonisches ‘gutes Opfer’ in der Literatur verewigt. Medusa, ebenfalls ein Vergewaltigungsopfer, wählt jedoch Gewalt und Rache als Antwort auf ihr Trauma – ähnlich wie ihre männlichen Gegenstücke – und wird zu einem schlangenhaarigen Monster, das getötet werden muss.»

Der Mythos rund um Medusa

Es gibt viele Versionen des Mythos, aber in der am häufigsten erzählten Version wurde Medusa von Poseidon im Tempel der Athene vergewaltigt. Wütend über die Schändung ihres Tempels wird Medusa – nicht Poseidon – bestraft. Sie wird in eine Gorgone verwandelt, eine monströse Gestalt, deren Anblick die Betrachter versteinern konnte.

Als Folge davon werden Medusas monströse Form und ihre gesellschaftlichen Übertretungen in den Vordergrund gestellt, anstatt auf das Unrecht einzugehen, das zu ihrer Verwandlung geführt hat. «Medusa wird als Schurkin dargestellt, die besiegt werden muss, anstatt als Opfer göttlicher Launen und männlicher Gewalt.» Die schrecklichen, greifbaren systemischen Folgen dieser Mythen seien nun, dass Vergewaltigungsopfer eher posthum geglaubt werde und die Selbstmordraten unter Vergewaltigungsopfern erschreckend hoch seien. Frauen, die sich entscheiden, über ihren Missbrauch zu sprechen und weiterzuleben, werde oft nicht geglaubt und sie würden als Monster verunglimpft.

Männliche Wut als äusseres Gegenstück

Den Unterschied zur männlichen Wut und deren Darstellung in Literatur und Pop-Kultur erklärt Rachael Moorthy so: «Weibliche Wut entsteht typischerweise aus systemischen Geschlechterungleichheiten und patriarchalen Strukturen. Frauen in der Literatur drücken oft Wut als Reaktion auf begrenzte Möglichkeiten, geschlechtsspezifische Gewalt und gesellschaftliche Erwartungen, die ihre Freiheit einschränken, aus.» Die Wut von Frauen würde also oft aus zwischenmenschlichen Beziehungen und Erfahrungen von Verrat, Missbrauch oder Manipulation resultieren. Hierbei handelt es sich häufig um häusliche Gewalt, sexuelle Gewalt und emotionale Manipulation.

Männliche Wut konzentriere sich hingegen oft auf Macht, Status oder Kontrolle. «Männliche Wut wird typischerweise als äusserer Konflikt dargestellt, durch körperliche Auseinandersetzungen oder Kriege.» Darin liegt der grosse Unterschied zur weiblichen Wut. Diese wird aufgrund der Art und Weise, wie Frauen über Jahrtausende sozialisiert wurden, oft internalisiert. «Das bedeutet, dass Wut in der Literatur oft auf subtilere, diffusere Weise zum Ausdruck gebracht wird – durch leisen Trotz, subtile Widerstände oder einen buchstäblichen Abstieg in den ‘Wahnsinn’, der typischerweise im Exil endet», erklärt Moorthy und nennt «the madwoman in the attic» als Beispiel.

Männliche Wut wird in der Literatur häufig sogar verherrlicht. So beispielsweise in der Ilias und dem Protagonisten Achilles. «Seine Wut steht im Mittelpunkt der Erzählung», erklärt Moorthy. «Sie wird als mächtige, treibende Kraft dargestellt, die ihn zu legendären Kämpfen und Heldentaten antreibt. Das wiederum wird von den anderen Charakteren verehrt und gefeiert.» Die Wut von Achilles wird hier als natürliche und sogar erwartete Reaktion auf persönliche Kränkungen und Verluste angesehen und passt in den kulturellen Rahmen von Ehre und Ruhm.

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Kommentare

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07.06.2024 12:40

tyrannia

Sehr interessanter Artikel – aber was bedeutet denn “nicht-melaniniert”?

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