Psychologie
Baselland

Psychologe über Konversionstherapien: «Das hat nichts mit Therapie zu tun»

HEUTE • 17:20 Uhr - update HEUTE • 17:56 Uhr
Michael Kempf

Michael Kempf

Seit dem Vorfall rund um die EVP-Politikerin Lea Blattner wird das Verbot von Konversionstherapien wieder lauter gefordert. Ein Psychologe erklärt, warum solche «Therapien» problematisch sind.

Bei Konversionstherapien soll die sexuelle Orientierung von homosexuellen Menschen «therapiert» werden. Wissenschaftler:innen sind sich einig, dass diese Therapien nicht nur unwirksam, sondern auch schädlich sind. Das bestätigt auch der Psychologe Udo Rauchfleisch im Gespräch mit Baseljetzt. «Die Folgen einer solchen Konversionstherapie sind Depressionen und massive Selbstwertzweifel», sagt Rauchfleisch. Die Betroffenen stünden unter Dauerstress und hätten Schuldgefühle, da sie die ganze Zeit glaubten, dass mit ihnen etwas nicht stimme.

EVP-Politikerin Lea Blattner gehört zu den Betroffenen, die eine solche Konversionstherapie hinter sich haben. Sie ist lesbisch und spricht mittlerweile offen darüber. Doch auch sie hatte anfangs Selbstzweifel und suchte Hilfe in ihrer Kirche. Dort erhielt sie eine Konversionstherapie, die sie von ihrer Homosexualität «heilen» sollte. «Im Nachhinein ist es völlig absurd, dass diese Therapie in mir Hoffnung ausgelöst hat», sagt Lea Blattner gegenüber Baseljetzt. «Aber ich verstehe es auch, weil ich mein ganzes Leben nichts anderes gekannt habe, als zu wissen: ‘Ich darf nicht homosexuell sein’.»

Wunden die bleiben

Die Konversionsmassnahmen waren für Blatter hochtraumatisch und die Wunden von damals werden ihn ein Leben lang begleiten. «Wenn ich zurückschaue, dann war das eine Zeit, die mich wahnsinnig geprägt und auch traumatisiert hat. Ich werde nie ein normales Leben führen können wie andere.» Lange hat sie geglaubt, dass sie falsche Gedanken habe, weil sie so indoktriniert wurde. «Das prägt und hinterlässt Wunden», so Blattner.

Aufgrund der traumatischen Erlebnisse, die eine solche Konversionstherapie auslösen kann, stört sich der Psychologe Udo Rauchfleisch an der Bezeichnung «Therapie». «Es hat mit Therapie überhaupt nichts zu tun. Es geht darum, die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität zu ändern. Das ist nicht nur wissenschaftlich problematisch, sondern auch unmenschlich», sagt Rauchfleisch. «Und es ist auch ein Übergriff und eine Menschenrechtsverletzung, so etwas von aussen zu forcieren.»

Lea Blattner wünscht sich, dass ihr das damals jemand gesagt hätte. Darum spricht sie heute auch öffentlich über ihre Erfahrungen. «Ich hätte mir vor zehn Jahren jemanden gewünscht, der öffentlich darüber geredet hat. Dann wäre mein Leben vielleicht ganz anders verlaufen.»

Während der Pandemie fand Lea Blattner den Weg aus der Freikirche – und zu sich selbst. Ihr Verhältnis zur Religion hat sich seitdem stark verändert. «Für mich war Gott immer ein alter weisser Mann irgendwo da oben auf einer Wolke. Wenn wir nicht das machen, was er sagt, schickt er uns in die Hölle, wo wir dann ewig brennen», so Blattner. Mittlerweile hat sich ihre Sicht auf Gott jedoch geändert. «Gott ist für mich viel mehr, hat kein Geschlecht, ist weder Mann noch Frau, sondern viel mehr. Und Gott ist Liebe, und Liebe ist immer bedingungslos, sonst ist es keine Liebe.»

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